Informationsveranstaltung zum Thema „Asylbewerber“ in Kalkreuth am 22.09.2015

Folgende Mitteilung befand sich am 18.09.2015 im Briefkasten der Kalkreuther Einwohner:

„Liebe Einwohner von Kalkreuth,

durch das Landratsamt Meißen wurden wir kurzfristig in Kenntnis gesetzt, dass im Gelände des ehemaligen Reiterhofes auf der Paulsmühle Asylbewerber untergebracht werden sollen.

Aus diesem Grund möchten wir Sie für

Dienstag, 22. September 2015, 19:00 Uhr
in den Speiseraum der Grundschule Kalkreuth

zu einer Informationsveranstaltung einladen. Ein Vertreter des Landratsamtes Meißen wird anwesend sein und auch für Ihre Fragen zur Verfügung stehen.“

Am 22.09.2015 machte ich mich auf den Weg, um dieser Informationsveranstaltung beizuwohnen.  Ich war früh genug da, um mir einen Platz im hinteren Teil des Raumes zu sichern. Vor der Grundschule stand vor Beginn der Veranstaltung eine Gruppe von Männern und Frauen, die sich noch eine Zigarette genehmigten. Im Vorübergehen hörte ich, wie einer der Männer sagte: „Ich habe ja nichts gegen Asylanten, aber wenn die mitkriegen, dass wir hier Gärten haben, dann können wir uns alle frischmachen!“

Viele Bewohner begrüßten sich herzlich, umarmten sich und einige hatten sich wohl schon eine Weile nicht mehr gesehen im beschaulichen Dörfchen.  So gab es also eine angenehme Gelegenheit, einige Worte miteinander wechseln zu können.

Die Veranstaltung begann pünktlich.

Anwesend waren:

– Bürgermeisterin von Ebersbach, Frau Fehrmann
– Amtsleiterin Jugendamt, Frau Kutschke
– Arbeitskreis Asyl, Herr Hensel, Gemeinderat
– CDU-Landtagsabgeordneter, Herr Sebastian Fischer.

Nach der Begrüßung durch die Bürgermeisterin von Ebersbach, Frau Fehrmann, erläuterte diese:

Am 02.09.2015 sei in der Bürgermeisterberatung erwähnt worden, dass die Paulsmühle Ebersbach für die Aufnahme von Flüchtlingen in Frage komme.
Auf Grund der fehlenden Infrastruktur solle dies zunächst abgelehnt worden sein.

Am 15.09. 2015 erging dann die Mitteilung an sie, dass die Paulsmühle in Ebersbach dennoch für die Aufnahme von Flüchtlingen festgelegt worden sei. Daher finde nun in allen Ortsteilen von Ebersbach eine entsprechende Informationsveranstaltung statt.

Bereits zu Beginn der Veranstalung war eine unterschwellig aufgeheizte Atmosphäre spürbar. Einige Anwohner brummelten mißmutig vor sich hin. Man hörte Wortfetzen wie „die sollen bleiben, wo der Pfeffer wächst“ und „wir wollen die Kanacken hier nicht haben“.
In den ersten fünf Minuten musste Frau Fehrmann die Anwohner Kalkreuths mit klaren Worten um Ruhe bitten. „Sie können im Anschluss ihre Bedenken äußern und wir werden über alles sprechen. Lassen sie mich aber erst bis zum Ende reden.“

„Auf dem rechten Teil des Hofes der Paulsmühle sollen ab dem 01.01.2016 zwanzig minderjährige Ausländer zwischen 15 und 17 Jahren untergebracht werden. Diese werden 24 Stunden betreut. Der Schlüssel ist hier 1 : 4. Auch ein Sicherheitsdienst wird ununterbrochen im Einsatz sein.“
Ein Anwohner warf laut ein: „Möchte auch sein!“

Frau Fehrmann ließ sich nicht beirren und fuhr fort: „Im linken Teil der Paulsmühle befinden sich neun Doppelzimmer und drei Einzelzimmer, die durch die Asylanten belegt werden. Im Laufe der Zeit werden die Verwandten der jungen Leute europaweit gesucht und bei Auffinden kommen sie dann hinzu. Auf 150 Asylanten kommt ein Sozialarbeiter. Deshalb sind hier Helfer gefragt wie die Diakonie etc..
Wenn jemand eine Wohnung zur Verfügung stellen kann oder Platz im Haus hat und hier helfen möchte, wird das sehr gern angenommen.“
Lautes Gelächter folgte. Wieder waren einige Wortfetzen vernehmlich wie: „Das fehlte noch“ oder „Die haben sie doch nicht alle“.

Die Bürgermeisterin sprach die Ängste unter den Anwohnern an. „Ihre Angst verstehen wir. Ich habe die auch. Aber wir können etwas gegen diese Ängste tun, indem wir Klarheit schaffen und uns unseren Aufgaben stellen. Dazu sind wir verpflichtet.“

Nachdem die Einleitung und die Erklärungen der Bürgermeisterin beendet waren, stand ein älterer Herr auf. Während der Erläuterungen von Frau Fehrmann verhielten sich besonders dieser mit seiner Ehegattin deutlich unruhig. Beide sprachen konsequent dazwischen und verliehen mit Gestik und Mimik ihrem Unverständnis erheblichen Nachdruck.
„Steht das im Grundgesetz drin, dass wir verpflichtet sind zu helfen?“
Die Antwort nicht abwartend, schrie die Frau des Herrn: „Wir wollen diese Wirtschaftsflüchtlinge nicht haben!“ Dabei hob sie den Arm nach oben, um ihre lautstarken Äußerungen zu veranschaulichen.
Das Ehepaar erhielt dafür heftige Zustimmung der meisten Kalkreuther.
„Diese Merkel ist doch zum Kotzen! Die muss weg. Diese ganzen Politiker lügen und die Presse auch. Ja, eine Lügenpresse ist das!“, schrie der Mann des Ehepaares aus voller Kehle.

Antworten konnten auf Grund der Lautstärke im Raum keine gegeben werden.

Nachdem das laute Gemurmel im Speisesaal verebbte, meldete sich ein weiterer älterer Herr zu Wort.
„Welchen Einfluss hat die Gemeinde auf die Immobilie „Paulsmühle“ in Kalkreuth?“
Die Bürgermeisterin antwortete: „Keine“.
Der Herr sprach weiter:
„Die Gemeinde hält sich aus allem raus, zu den eigentlichen Problemen sagen Sie wie immer gar nichst. Kalkreuth wäre sonst nie erwähnt worden. Nur Ebersbach und Rödern werden immer erwähnt. An Kalkreuth haben Sie doch nie Interesse!“

Die Bürgermeisterin wehrte sich vehement gegen diese Vorwürfe. „Das ist nicht wahr. Der Reitverein ist immer mein Herzblut gewesen. Da habe ich alles versucht, was möglich war.“

Eine weitere Frage des Herrn lautete: „Ist die Gemeinde in den Rechtsstreit des Bauern Schlickenreuter involviert?“

„Es gibt keinen Rechtsstreit“, entgegnete die Bürgermeisterin.

Anschließend meldete sich der Naturschutzbeauftragte von Ebersbach, Herr Rutsch zu Wort.

„Wir müssen Flüchtlinge unterstützen, bevor  sie wieder gehen MÜSSEN!“ Die Kalkreuther klatschten begeistert.  Ermuntert von der nonverbalen und auch verbalen Zustimmung, die er von den Einwohnern erntete, erhob Herr Rutsch seine Stimme. „Deshalb rufe ich die Bevölkerung zum zivilen Ungehorsam auf!“

Wieder folgten begeisterte Zurufe und lautes Klatschen. „Ja, genau! Wir sollen alles ausbaden!“, rief ein Anwohner und fügte hinzu: „Muslimische Glaubensbrüder gehören nicht in unser Land. Wir fordern den Rücktritt von Merkel!“ Auch dieser wurde mit Beifall von der Überzahl der Anwesenden belohnt.

Rutsch fügte abschließend mit polemisch klingender Stimme hinzu: „Wir müssen unsere deutsche Leitkultur schützen!“

Ein Anwohner, ausgerechnet aus der rechten Ecke des Raumes dröhnte:  „Alle werden in die rechte Ecke gestellt, die ihre Meinung sagen. Deutschland schafft sich ab!“

Nachdem sich der Unmut unter den Kalkreuthern etwas legte und es im Raum ein wenig ruhiger wurde, stand einer der Anwesenden auf. „Dürfen die aus dem Gelände raus?“

Die Bürgermeisterin bejahte das. „Ach du Scheiße!“ und „Da können wir uns frisch machen“ sowie „Sperrt mal eure Kinder weg“ dröhnte es aus der Menge.

„Woher kommen die denn so?“, fragte der nächste Anwohner.

„Sie kommen aus Eritrea, Syrien und dem Irak, soviel ich weiß“, antwortete Frau Fehrmann.

„Was machen die den ganzen Tag?“, fragte hinter mir ein junger Mann, der jedoch nicht gehört wurde. Die Antwort gab ihm eine anwesende Frau, die sich die ganze Zeit über Notizen machte. „Was machen junge Deutsche den ganzen Tag, wenn sie keine Arbeit haben und aufeinander hocken?“, fragte sie den Mann. „Scheiße“, antwortete dieser. „Was ist das dann für eine dumme Frage?“, gab sie zurück. „Das ist keine dumme Frage.“ „Natürlich ist das eine dumme Frage, sie haben sie doch gerade selbst beantwortet“, entgegnete sie. Der Mann schwieg. Kurze Zeit später verschwand er.

Als Nächstes kam Frau Kutschke, die Amtsleiterin des Jugendamtes zu Wort. Sie führte aus, dass die Kinderheime im Kreis Meißen bereits überfüllt seien und die Aufnahme der Flüchtlingskinder in diesen daher nicht erfolgen könne. Für einen stukturierten Tagesablauf würde  gesorgt werden.

Jetzt meldete sich eine junge Frau lautstark zu Wort. „Wir müssen alles bezahlen. Ich weiß gar nicht mehr, welche Rechnungen ich zuerst bezahlen soll. Und die bekommen alles in den Arsch geblasen! Das kann doch hier nicht wahr sein!“

Im Speisesaal der Grundschule Kalkreuth spitzte sich die konfliktgeladene Stimmung zu. Trotz aller Besänftigungsversuche fiel es der Bürgermeisterin zunehmend schwerer, die renitenten Anwesenden von einer sachlichen Betrachtungsweise der Problematik zu überzeugen.

„Was können wir denn dagegen machen? Wir können doch eh nichts machen, das ist doch alles in Sack und Tüten! Es interessiert doch niemanden, ob wir das wollen oder nicht. Da können Sie sich diese Versammlungen auch sparen!“

Die meisten Anwesenden stimmten dem Redner aus den Anwohnerreihen zu.

Eine zierliche Frau erhob sich und deren sanfte Stimme ergab einen drastischen Kontrast zu den bisherigen Stimmen. „Aber die Paulsmühle ist nicht leer. Wir wohnen dort. Also sind doch die Bedingungen nicht geschaffen. Sie haben gesagt, sie sei leer.“

Ein weiterer Bewohner griff das auf. „Wieso müssen wir aus unseren Wohnungen ausziehen, zwei Jobs haben, um überhaupt einigermaßen anständig leben zu können und die kommen  rein und vertreiben uns? Und warum ist Schlickenreuter nicht hier?“

„Was bekommt der Schlieckenreuter für die Unterbringung von Asylanten?“, fragte der Nachbar des Vorredners.

Die Antwort der Bürgermeisterin: „Das ist nicht bekannt.“ Dieser Aussage folgte wieder allgemeines Gelächter. „Erzählen sie doch nicht so einen Mist!“, brüllte ein Anwohner.

Die gepflegt aussehende Ehegattin des Anwohners, der zu Beginn der Versammlung das Wort ergriff, rief wiederholt laut in den Raum hinein: „Ich will keine Moschee in Kalkreuth!“ Diesmal erhob sie nicht nur ihre Stimme, sondern sich selbst auch vom Stuhl.

Mit lautem Beifall wurde das quittiert.

Die Bürgermeisterin nahm daraufhin die Ruder in die Hand und bat um Ruhe, damit die Amtsleiterin, Frau Kutschke, weitere Erläuterungen abgeben konnte. „Die Jugendlichen werden von drei Erziehern des Jugendamtes im Schichtsystem betreut. Bevor das alles eintritt, erfolgt in der Paulsmühle eine Vorortbesichtigung, wo sich über die Gegebenheiten und Umstände Klarheit verschafft wird.“

Die Unruhe im Raum verstärkte sich wieder zusehend. Herr Hensel, Gemeinderat (Arbeitskreis Asyl) löste die Bürgermeisterin für einige Minuten ab.

Er erinnerte an christliche Werte. Desweiteren habe die Gemeinde wie alle anderen Gemeinden in Deutschland auch Regularien zu beachten. Die Rede von Rutsch, so führte er weiter aus, sei offenkundig volksverhetzend und er stelle sich ausdrücklich dagegen. Er sei erstaunt, wie viele Anwohner Kalkreuths solchen Äußerungen Beifall spenden. Allgemein und rhetorisch sicher versuchte Hensel, die Kalkreuther  auf die sachliche Ebene zu holen.

„Warum wurden wir nicht eher informiert?“, fragte ein Mann.

„Wir sind heute hier, um die Angelegenheiten zeitnah mit ihnen zu besprechen. Wir reden hier auch noch nicht über Integration, sondern lediglich über die Aufnahme von Flüchtlingen, die u.a. aus Kriegsgebieten flüchten!“, sprach Hensel.

Eine Frau meldete sich zu Wort.  „Ich wohne seit über 20 Jahren in Kalkreuth und bin entsetzt darüber, wie das Grundgesetz, Artikel 1, in meinem Dorf mit Füßen getreten wird. Hier werden alle Asylbewerber als kriminell dargestellt. Das ist erschreckend und menschenverachtend. Ich bin auch nicht mit der Politik in allen Dingen einverstanden und gerade im Bereich der Asylproblematik zeigen sich die Politiker eindeutig überfordert. Doch  ich halte nicht alle Menschen für kriminell! Und Herr Rutsch, sie sprechen von deutscher Leitkultur. Entschuldigen Sie mal, die  muss man erstmal selber kennen, ehe man über sie spricht!“ Im Gegensatz zu der Stimmlage der anderen Kalkreuther Sprecher, blieb die Stimme der Frau ohne Anhebung und klang durchgängig harmonisch.

Nur wenige Bewohner klatschten, aber diese wenigen taten es laut und deutlich.

Nun kam der anwesende Polizeibeamte, Herr Gäbler, aus Großenhain an die Reihe. „In Großenhain sind schon viele Asylanten aufgenommen worden. Ich kann beweisen, dass diese nicht straffälliger sind als die deutschen Staatsbürger. Die Kriminalitätsrate ist seit der Anwesenheit der Asylanten nicht gestiegen. Eine Frage habe ich an die Anwesenden: Wer von ihnen fühlt sich in Kalkreuth bedroht?“

Einige meldeten sich. „Sie fühlen sich in Kalkreuth bedroht, jetzt, zu diesem Zeitpunkt?“ Einer der Personen sagte: „Jetzt nicht, aber wenn die da sind.“ Herr Gäbler konterte mit Zahlen: „In Kalkreuth gibt es jährlich 10 bis 15 Strafdelikte. Die Aufklärung von Delikten beträgt in Sachsen 60%, bundesweit 40%.“

Diese Zahlen beeindruckten die Anwohner Kalkreuths nicht im Geringsten. Ein Bauer rief aufgebracht: „Wer beschützt mich denn? Ist die Polizei dann präsenter? Ich werde ja jetzt schon bedroht, weil ich meine Lämmer ins Ausland verkaufe!“

„Haben sie das zur Anzeige gebracht?“, fragte Herr Gäbler. Der Bauer verneinte. „Mir wird doch sowieso nicht geholfen!“ Der Polizeibeamte fragte nach, wie er zu dieser Ansicht käme. „Ich hatte mal einen Einbruch angezeigt. Da wurde mir auf der Polizeidienststelle wortwörtlich gesagt, ich solle erstmal meine Nachbarn befragen. “

„Was ist daran so schlimm, wenn auch sie ihre Nachbarn mal fragen, ob sie etwas beobachtet haben?“, fragte der Polizist mit stoischer Ruhe.  Der Bauer sagte entsetzt: „Hallo? Bin ich bei der Polizei oder Sie?“

Nach dieser, nicht gerade fruchtbaren Diskussion, erhob sich eine Anwohnerin. „Gehe ich recht in der Annahme, dass Kalkreuth ausgewählt wurde, da es hier eine Grundschule und Kindertagesstätte gibt – im Hinblick auf die Zukunft? Irgendwie müssen die Kinder ja auch zur Schule gehen.“ Frau Kutschke antwortete: „Es werden generell Objekte gesucht. Die Kinder können ohnehin nicht in jede Schule gehen. In Kalkreuth existiert keine zweisprachige Unterrichtung.“

Die Anwohnerin führte fort: „Das Robert-Koch-Institut warnt ausdrücklich vor ansteckenden Krankheiten, die mit dem Flüchtlingsstrom nach Deutschland gelangen. Wie werden wir vor diesen geschützt?“

„Für die Jugendlichen wird ein Amtsvormund eingesetzt, der sich um alles kümmert, auch um die Gesundheitsüberprüfungen“,  klärte Frau Kutschke auf.

Der Polizeibeamte ergänzte hierzu: „Mich wundert es, dass so viele Deutsche ins Ausland in den Urlaub fahren und gesund zurückkehren!“ Das war offenbar wirksam, denn niemand konnte diesem Argument etwas entgegenhalten.

Interessant wurde auch der weitere Verlauf der Informationsveranstaltung. Herr Sebastian Fischer, Landtagsabgeordneter der CDU, wurde nun durch die Bürgermeisterin gebeten, zum Sachverhalt „Asylanten“ zu sprechen.

„Die Flüchtlinge, die in Kalkreuth aufgenommen werden, kommen aus Bayern, wo sie momentan im Flughafen untergebracht sind und werden gerecht auf die Landkreise verteilt“, erklärte Fischer einleitend.

Da unter vielen Menschen die Meinung vertreten würde, die Asylanten seien besser untergebracht als Deutsche, müsse er dieser Ansicht widersprechen. Die Standards seien niedriger, aber menschenwürdig. Auch wenn er die mittlerweile dritte Morddrohung erhalten habe, höre er nicht auf, die Menschen weiter sachlich zu informieren und immer im Dialog mit ihnen zu bleiben.

„Ich möchte keinesfalls, dass aus Kalkreuth ein zweites Heidenau wird!“, sagte Fischer entschlossen. Der Freistaat Sachsen sei ohnehin schon zum bundesweiten Ziel diverser Verspottungen geworden und er finde das beschämend. Ja, allerdings seien wir am Anschlag unserer Möglichkeiten angelangt.  „Aber in Berlin müssen Flüchtlinge im Park schlafen und die Nächte sind schon jetzt ziemlich kalt.“ Fischer hoffte offenbar auf Verständnis.

„Wer bezahlt das alles?“, rief da ein Kalkreuther.

„Wir haben Rücklagen im Freistaat Sachsen gebildet.“ Auf diese Ausführung folgte wieder lautes Gelächter.

Ein Mann stand auf und fragte in die Menge hinein: „Ich habe mal eine Frage. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass in Kalkreuth durch zwanzig minderjährige Flüchtlinge eine Moschee gebaut wird? Ich beantworte sie gleich mal: Diese Wahrscheinlichkeit ist nicht einmal annähernd vorhanden!“ Die Frau des schimpfenden Ehepaares, die einige Zeit zuvor diese Äußerung getätigt hatte, schüttelte daraufhin mit schmalen Lippen schnaufend den Kopf.  „Die wollen es nicht wahrhaben, ich gebe es langsam auf!“ , zischte sie ihrem Mann zu.

Der Bundestagsabgeordnete fügte seiner Rede noch hinzu: „Es ist nicht sonderlich berauschend, dass die Flüchtlingsdiskussionen in Sachsen anders verlaufen als in anderen Bundesländern. Ich verweise in diesem Zusammenhang mal auf die hier genannte ‚deutsche Leitkultur‘.“

Einige Minuten lang war wieder ein chaotisches Gemurmel im Raum vernehmbar. Scheinbar hatte jeder etwas zu sagen und niemand kam zu Wort.

Eine Anwohnerin fragte einige Minuten später: „Hier gibt es keine Einkaufsmöglichkeiten. Wo sollen die denn einkaufen gehen? Sie könnten sich doch mal darum kümmern, dass wir in Kalkreuth endlich mal einen Laden bekommen!“ Das war ziemlich pfiffig.

„Es ist angedacht, den alten Laden neben dem Bäcker wieder zu eröffnen“, antwortete Frau Fehrmann. Daraufhin erhoben sich wieder Stimmen: „Ach, da geht es, ja? Das ist doch wie immer!“

Ein Bewohner aus dem hinteren Teil des Raumes machte sich bemerkbar. „Ich arbeite in Dresden und bin Leiter einer Handelskette. Ich kann bestätigen, dass sich die Diebstähle in unserer Kette nicht erhöht haben. Es kommen täglich Asylanten in unsere Geschäfte und wir machen auch täglich gründlich Kassensturz. Es gibt keine Steigerung von Diebstahlsdelikten.“ Er äußerte sich im Weiteren kritisch über die Asylpolitik, könne die Ängste der Mitbürger des Ortes teilweise nachvollziehen und sei auch ununterbrochen im Dialog mit seinen heranwachsenden Kindern, die sich nicht immer wohlwollend über die „Fremden“ äußern würden. Dennoch sei er der Ansicht, dass dem Thema eine differenziertere Betrachtungsweise zustünde.

Auf einige Zwischenrufe, die immer wieder darauf hindeuteten, dass einzelne Bruchstücke des Gesagten der Rednerinnen Frau Fehrmann, Frau Kutschke und des Redners Herrn Fischer herausgelesen wurden, die mit dem gesamten Inhalt nicht konform gingen, ergriff Herr Hensel nochmals das Wort:

„Ich bitte Sie alle zuzuhören und den Kontext zu beachten. Hier werden einzelne Fragmente aus dem Gehörten entnommen und für eigene Zwecke verarbeitet. Dann sind sie nicht besser als die, die sie als Lügenpresse bezeichnen. So läuft das nämlich!“

Die Rüge führte vorerst zu einer deutlichen Senkung der Lautstärke im Speisesaal der Grundschule Kalkreuth. Diese nutzte ein Anwohner, um die nächste Frage loszuwerden. „Wie wird die Integration in der Folge umgesetzt, Herr Fischer?“

Sebastian Fischer nannte die BSZ auf der Poststraße in Großenhain. Dort wäre auch die zweite Sprache möglich. Es seien auch einstiegsvorbereitende Kurse für die deutsche Sprache notwendig. Auch würden die Flüchtlinge im Benehmen usw. geschult, damit sie lernen könnten, sich den deutschen Gepflogenheiten anzupassen. Für weitere Ausbildungen sei dann die HWK gefragt.

Plötzlich trat ein junges Mädchen vor  Sebastian Fischer. „Herr Fischer, wie wollen sie das machen? Es sind in der BSZ nicht genügend Plätze vorhanden. Die Schule ist voll, wir selbst haben nicht genügend Platz! Das geht doch so nicht!“

Auf diese Frage wusste Fischer keine Antwort.

Die Amtsleiterin Frau Kutschke setzte ein: „Es müssen Absprachen mit der Schulverwaltungsbehörde auf Landesebene erfolgen. Sobald Zahlen bekannt sind, muss das organisiert werden.“

Ein  Anwesender fragte nun: „Wo kommen die Lehrer her? Wir haben doch selbst schon zu wenig Lehrer! Meine Kinder haben dauernd Ausfall, weil Lehrer krank und Vertretungslehrer nicht vorhanden sind. Wie wollen Sie das alles meistern?“

Die Bürgermeisterin: „Davon weiß ich nichts. Das muss natürlich geklärt werden. Ich kümmere mich umgehend darum.“

Der Anwohner richtete eine weitere Frage an Herrn Fischer: „Was machen sie denn, wenn die Rücklagen in Sachsen aufgebraucht sind?“

Sebastian Fischer war wieder sattelfest und kam in sein Element: „Wir können nicht alle aufnehmen, so sagte es auch Tillich. Und wir werden an den Bund einen Kostenersatz zu 100% fordern. Die Finanzen des Freistaates Sachsen sind gesund. Für zwei bis drei Jahre können wir es abfedern, aber nicht auf Dauer. Da bereits eine „Flüchtlingssteuer“ Thema war, sage ich hier und heute wieder deutlich: Eine solche ist undenkbar!“

Abschließend bat die Bürgermeisterin die Kalkreuther um mehr Differenzierung. Schlichtend beendete sie die Versammlung: „Wir werden mit Ihnen im Dialog bleiben. Sie können mit allen Ängsten zu uns kommen, doch ich bitte Sie, bleiben sie sachlich und lassen Sie sich nicht manipulieren.“

Selbst das von Beginn an erregte, sich lautstark artikulierende, ältere Ehepaar hatte nach den zwei Stunden an Kraft eingebüßt. Der Gatte rief einlenkend: „Na, wir werden ja sehen.“ Die Stimmlage war weitaus zurückhaltender als während der Versammlung.

Sylvia Kling

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