Warum können wir nicht einfach still sein?

Um 19 Uhr kam ich gestern vom Walken zurück und bereitete mir einen Salat zu. Alltag eben. Mein Alltag: klein, unwichtig, ruhig.  Kurze Zeit später rief mich eine bayrisch-stämmige Freundin an, die in Sachsen lebt. Eigentlich wollten wir etwas anderes besprechen. Doch sie sagte: „In München ist etwas passiert, eine Schießerei in einem Einkaufszentrum. Es gibt Tote.“

Ich loggte mich auf Facebook ein und wurde überrollt. Medienhype, eine unglaubliche Flut! Eine Flut an Spekulationen und Verschwörungstheorien in den Kommentarleisten von Nutzern unter den Meldungen durch die Medien.

Einige meiner Freunde waren bestürzt, posteten nur einen Satz. Andere wiederum fragten ihre Münchner Freunde mit Posting, ob es ihnen gut gehe.

Dann kam das Unvermeidliche: Bereits nach zwei Stunden wurden die ersten Profilbilder mit den Farben unserer Nationalität eingefärbt. Mehr schreibe ich dazu jetzt nicht. Jeder möge seine eigene Meinung dazu haben.

Mit dem Smartphone sah ich bei n-tv nach. Da stieß ich auf eine Presseerklärung der Münchner Polizei.  Ich konnte es nicht im Vollbildmodus sehen. Nur im oberen Drittel erkannte ich im linken Teil aktuelle Bilder  und auf der rechten Seite den Beamten, Polizeisprecher Marcus da Gloria . Immer wieder wurden durch die Journalisten die gleichen (auf Panikmache ausgerichteten) Fragen gestellt, obwohl der Beamte wenige Minuten zuvor die Sachlage ausführlich darstellte.  Mit einer Geduld, die ich bewunderte, wiederholte er seine Antworten auf fast immer die gleichen Fragen. „Wenn Sie verifizierte Auskünfte haben wollen, lassen Sie uns unsere Arbeit machen.“

Ein Satz, der saß!

Nebenbei bemerkt: Das war mit Abstand der beste Pressesprecher, den ich seit langer Zeit hörte: eine absolut kompetente und souveräne, sehr professionelle Art in einer aufgeheizten Situation – mein Kompliment dafür!

Inzwischen wurde der Mann zum Helden der letzten Nacht befördert und hat auf Faceook eine eigene Fanseite – nur mal so am Rande bemerkt – zum Thema Hysterie und Medien wieder sehr aussagekräftig. Wir brauchen unsere Helden!

Erschreckend waren für mich die Kommentare, die sich unten zeigten und die ich versuchte, nebenbei  mitzulesen.  Es gab wenige vernünftige Menschen, die dort angemessen kommentierten.  Ansonsten begegnete mir Hass: von Deutschen, auch von Nichtdeutschen. Sätze wie: „Hitler muss zurück“,  „Das waren Rechte“,  „Danke, Ferkel-Merkel“,  „Alles Einzelfälle, oder was?“, „Das habt ihr davon, dieses Gesocks in unser Land zu lassen“ bis hin zu: „Es wird euch Deutsche bald nicht mehr geben.“

München gestern – es ist schlimm genug. Ja, es ist erschreckend. In einer Stadt, die gern ihre Traditionen pflegt.

Auf WordPress las ich heute von einem Blogger: „Hier stimmt etwas nicht! Der Polizeipräsident sprach akzentfreies Deutsch und hatte nur einen Stern!“

Wie bitte? Geht es den Menschen nicht gut? Oder geht es ihnen zu gut? Sind das Eure Probleme? Da sitzen sie in aller Ruhe auf ihrem Wohnzimmersofa oder im Biergarten und lassen solche unwürdigen Kommentare ab?

Warum können wir nicht einfach still sein?

Liebe Leute und Spekulanten, liebe Weltverschwörer! Schaut im Duden nach dem Wort „Pietät“! Bildet Euch endlich!

Das musste von meiner Seite aus gesagt werden. Ich werde mich diesem ganzen Medienspektakel nicht hingeben und ich bitte alle vernünftig denkenden Menschen, es ebenfalls nicht zu tun. Denn die Vergiftung und Verrohung ist auch eine Folge dieses Medienwahnsinns.

Ich bin jetzt still. Auch auf Facebook heute. Aus Respekt für die Opfer und jene Menschen, die trauern.

Die ehrlich trauern.

Sylvia Kling

 

 

 

 

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