Sie wollen einfach nur leben!

Wir haben gestern mit 10 Flüchtlingskindern Fußball gespielt. Zufällig trafen wir sie auf dem Sportplatz unseres Dorfes. Sie wohnen seit 18. Januar in unserem Dorf und werden betreut.
Die Eltern sind verschollen.
Ein kleines Mädchen war dabei, hing veränstigt am Jackenzipfel der Betreuerin. Sie sagte in gebrochenem Deutsch: „Ich heiße Nolah. Ich kommen aus Irak.“ Große, verängstigte, tiefdunkle Augen. Keine Mama, kein Papa. Nur eine deutsche Frau, an der sie klebt. Eine von wenigen freundlichen Frauen hier.


Die Betreuerin erzählte mir, auf wie viel Ablehnung sie in unserem 700-Seelendorf und der gesamten Region stößt.
Ja, ich weiß. Über die erste Einwohnerversammlung schrieb ich einen Artikel, in welchem man erschreckende Tatsachen über den Fremdenhass in unserer Region lesen kann. Es war ein Artikel ohne Wertung meinerseits (Link nochmals unten).


Was soll ich sagen? Dass die Bäckerin im unserem Dorf ihren Verkäuferinnen angeordnet hat, die Zigarretten jeden Abend aus der Auslage zu entfernen, da die Flüchtlingskinder kommen?
Kinder, die ihre Eltern ewig nicht mehr gesehen haben, aus ihrer zerstörten Heimat kommen? Kinder, die mit Bildern ihre Geschichte erzählen? Denen das bisherige Leben und das Leid der letzten Monate/Jahre in den Augen geschrieben steht?
Soll ich sagen, dass eine wohlhabende Frau aus unserem Dorf im September 2015 in der Versammlung brüllte: „Wir wollen keine Moschee in K.?“
Wie meinen? Eine Moschee, gebaut von 10 Kindern aus Kriegsgebieten?
Soll ich sagen, wie diese Kinder in Sachsen von Ärzten z. T. behandelt werden?
Oder soll ich sagen: Mein Sohn hatte heute eine wunderbare Zeit mit diesen Kindern. Er versteht sie nicht. Sie verstehen ihn auch (noch) nicht. Aber mein Sohn stellt Fragen. Er versteht: Diese Kinder wollen Fußball spielen. So wie er.

Teilen erbeten. Es sind WAHRE Erlebnisse und ich werde weiter berichten. Denn wir treffen sie nun hoffentlich jede Woche. Auch werde ich versuchen, mich – solange ich in diesem Ort noch wohne – auf irgendeine Weise einzubringen.

Wie die Menschen in diesem Dorf denken und wie die Informationsveranstaltung in Kalkreuth im September vergangenen Jahres verlief, könnt Ihr hier nochmals nachlesen:

https://wiedaslebenklingt.wordpress.com/informationsveranstaltung-zum-thema-asylbewerber-in-kalkreuth-am-22-09-2015/

Eure Sylvia Kling

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13 Gedanken zu “Sie wollen einfach nur leben!

  1. Liebe Sylvia,
    der Bericht hat mich sehr berührt. Obwohl ich auch eine der Skeptikerinnen der Asylpolitik bin: hier geht es um Kinder, um hilflose, schutzbedürftige und wahrscheinlich traumatisierte Kinder. Ihnen muss unsere Zuwendung und Liebe gelten, sie müssen mit dieser verdammt kinderunfreundlichen Welt klarkommen und wissen nicht, wie ihnen geschieht. Ich hoffe, dass diese kleinen Menschen ihren Weg gehen können, dass sie hier Ruhe und Liebe finden und am allermeisten Wunsche ich Ihnen, dass sie zu ihren Familien finden….Alleine, verloren in der grossen kaputten Welt: was gibts eigentlich Schlimmeres?
    Mehr kann man dazu gar nicht sagen. Ich würde mich freuen, wenn Du vielleicht in einigen Wochen erneut von den Kindern schreiben würdest, von ihren Fortschritten in der „Eingewöhnung“, von schönen Spielnachmittagen oder einfach nur von ihrem Kinderlachen.

    Danke für diesen Bericht!

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    • Liebe Katrin,

      vielen Dank für Deinen Kommentar, der mich gerade sehr freut!
      Ich hoffe auch, dass sie sich gut einleben und nicht ständig diesem Hass hier ausgesetzt sind.

      Ich schaue mal, ob ich weiter berichten kann.

      Sei herzlich gegrüßt,
      Sylvia

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  2. Pingback: Sie wollen einfach nur leben! | Sylvia Kling - Literatur

    • DAS ist gut! Weißt Du, dass mir das wirklich so vorkommt?
      Beispiel: Hier, in diesem Dorf, gibt es nicht mal einen Discounter! Hier leben sie ruhig und alle gemütlich vor sich hin.
      Mein Sohn hört in der Schule viel Fremdenfeindlichkeit. Wenn ich nach den Namen frage, sind das alles diejenigen, die nichts auszustehen haben und noch NIE mit Flüchtlingen in Berührung kamen.

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    • Ich kann das leider auf dem PC nicht öffnen. Auf dem Handy funktioniert es auch gerade nicht. Ich teile meinen Beitrag jetzt auf meinem Autorenblog. Könntest mir das dort auch nochmals kommentieren? Vielleicht gelingt mir von dort aus mit dem Handy das Öffnen eher.
      DANKE!

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