Mein Rückblick und Gedanken zum Jahresausklang

https://wiedaslebenklingt.wordpress.com/2015/annual-report/

Diesen Blog führe ich noch nicht sehr lange.

In den letzten Tagen machte ich mich rar. Einerseits gilt für mich: Wenn ich mir Frieden wünsche, so sei bei mir selbst zu beginnen. Für mich ist Weihnachten kein besonderes Fest, gebe ich zu. Dennoch ist es ein Fest, welches ich gern mit Stille und in Harmonie verbringen möchte.

Ich habe keinen Fernseher (zumindest keine Fernsehprogramme) und momentan nicht einmal Radio. Berichte erhalte ich aus dem Internet, es sei denn, ich bin mit meinem Auto unterwegs. Über die Feiertage war ich dankbar dafür. Ich war äußerst erschöpft von all den letzten Monaten, den täglichen Meldungen und Berichten, dem Hass unter den Menschen. Die Tatsache, dass jetzt Freundschaften darunter leiden und wir wieder unsere Freunde nach der politischen Orientierung wählen, ist unbestreitbar und war vor noch einem Jahr für mich undenkbar. Normaler Weise sollten es gerade die ehemaligen DDR-Bürger_innen noch in Erinnerung haben, wie belastend es ist, nicht frei seine Meinung äußern zu können – ohne in ein Kreuzfeuer zu geraten.

In diesen Tagen der Stille, ja, da kamen einige Reminiszenzen in mir auf. Mit meinem Partner unterhielt ich mich über Flüchtende vor über 30 Jahren. Zum Beispiel das Brüderpaar, welches aus der Röhn mit selbst gebauten Heißluftballons einen gefährlichen Aufbruch in den Westen wagte: http://www.br.de/franken/inhalt/zeitgeschichte/ddr-ballonflucht-naila-100.html.

Wie plötzlich Klassenkameraden nach den Sommerferien nicht mehr in die Klasse zurückkehrten, da sie bei den Großeltern bleiben mussten. Die Familie wurde bei ihrem Fluchtversuch in die BRD gefasst, der Vater angeschossen, im Haftkrankenhaus und anschließend im Gefängnis. Erinnerungen über Erinnerungen, auch persönliche.

Es gibt viele ehemalige „Ostler“, die der DDR heute „eine goldene Krone“ aufsetzen. Das beunruhigt mich ebenso wie die nationalsozialistischen Tendenzen. Lösungen habe ich keine. Für mich wird auf seltsame Weise offensichtlich, wie stark Menschen im Vergessen sind.

Mein Schaffen als Autorin war in diesem Jahr sehr stark geprägt vom aktuellen Zeitgeschehen. Mein neuer Gedichtband „BruchStücke“ wird mehr gesellschaftlich orientierte und sozialkritische Gedichte beinhalten als „AusGeatmet“ – erschienen im Oktober 2015.

Was ich mir für das kommende Jahr wünschen würde?

Frieden

Ein starkes Wort, oder? Wieder und immer noch.

Ich wünsche allen Besuchern einen ruhigen, besonnenen Jahresausklang und ein gesundes neues Jahr.

Mein AbschlussGedicht:

EndJahresWeberin

Hinwandelnd in den letzten Tagen
des Jahres
webe ich an den Stunden,
wie eine alte Fee,
in der Tasche ist kaum
Bares
und mein Leib ist weiß
wie Schnee

So mutlos versäumte
Fragen,
Geträumtes verloren,
gewonnen,
vieles vergangen in
schmerzlichen Plagen,
in Übermut vieles
zerronnen

Doch Wehmut schmerzt
uns nur,
so web ich lächelnd
die letzten Tage,
es ticken die Zeiger
der Uhr,
hinwandelnd dem
letzten Schlage.

Sylvia Kling (siehe letzter Beitrag auf http://sckling.wordpress.com)

 

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Dresden am 16.12.2015 – Erster großer Bürgerdialog

 

Dresden – Erstmals seit Beginn der PEGIDA-Demos ist ein großer Bürgerdialog zustande gekommen. Etwa 1000 Dresdner, darunter auch Vertreter des Anti-PEGIDA-Lagers und PEGIDA-Demonstranten selbst, redeten am Mittwochabend in der Kreuzkirche miteinander.

Der Chef der Landeszentrale für Politische Bildung, Frank Richter, war der Moderator.

Bis auf einen Zwischenfall blieb es friedlich: Ein Pegida-Anhänger und ein Redner gerieten verbal aneinander. Es wurde laut in der Kirche (siehe im Video oben). FDP-Politikerin Barbara Lässig (re. im Video) und Pfarrer i.R. Hanno Schmidt (links, hinter dem Zwischenrufer) schlichteten.

Eingeladen hatten OB Dirk Hilbert (44, FDP) und Superintendent Christian Behr. Hilbert sagte: „Wir, die Bürgerschaft dieser Stadt, wir alle stecken fest.“ Er schließe sich ausdrücklich ein.

Jeder habe inzwischen eine Meinung zu allem. Aber die Wortmeldungen würden immer frustrierter. Daher müsse der Kreislauf aus Standpunkten und Gegenstandpunkten endlich durchbrochen werden.

Ein aus Syrien stammender Dresdner rief die Bürger zu gemeinsamen Anstrengungen auf. „Denn die Größe einer Gemeinschaft zeigt sich bei der Bewältigung von Problemen.“ Er habe nicht erwartet, dass so eine Herausforderung wie jetzt die Flüchtlingskrise die Stadt so spalte. „Aber die Menschen, die hierherkommen, haben sich das nicht ausgesucht; sie wurden gezwungen, hierher zu kommen. Bitte öffnen Sie also Ihre Herzen.

PEGIDA-Mitbegründer René Jahn sagte begleitet von vereinzelten Buh-Rufen: „Unsere Stadt durchzieht ein tiefer Graben.“ Bürger würden vielfach nur vor vollendete Tatsache gestellt. Bürger und Politik hätten sich immer weiter voneinander entfernt. Daran seien (auch) die Medien nicht unschuldig. „Selbstverständlich ist Dresden weltoffen. Und das soll auch so bleiben.“

Die Veranstaltungsreihe soll fortgesetzt werden.

 Die Rede Hilberts im Wortlaut:

„Wir, die Bürgerschaft dieser Stadt, wir alle stecken fest. Und ich schließe mich da ausdrücklich ein. Jeder von uns hat eine Meinung. Eine Meinung zur Unterbringung von Flüchtlingen, eine Meinung zu den montäglichen Demonstranten – auf der einen wie auf der anderen Seite. Über die Politik, über die Politiker. Eine Meinung über die Medien und eine Meinung über das Bild, das unsere Stadt in diesen Tagen bietet.

Ich höre und lese diese Meinung tagtäglich. Und was ich registriere: All diese Wortmeldungen werden immer frustrierter, wütender und immer kompromissloser. Jeder beharrt darauf, auf der richtigen Seite zu stehen. Die einzig richtige Meinung zu vertreten. Und damit meine ich nicht die Hassprediger auf den Demonstrationen, nicht die Irren, die Ausländer in unserer Stadt angreifen. Oder die Irren, die in Leipzig Polizisten verprügeln. Nicht die, die mir und meiner Familie Gewalt androhen!

Ich meine uns, die wir hier sitzen. Wir stecken fest. Und weil das so ist, sind die Exzesse, die ich gerade benannt habe, erst möglich. In der festen Überzeugung, dass wir diesen Kreislauf aus Standpunkten und Gegenstandpunkten durchbrechen müssen – dafür stehe ich hier und heute, aber vor allem als Oberbürgermeister zur Verfügung.

Dresden kann auch Dialog. Die Kreuzkirche am Mittwochabend.

 

Allerdings unter zwei Bedingungen: Jeder von uns muss bereit seit, sich selbst und seine Meinung zu hinterfragen. Das gilt für die Politik, die Verwaltung; das gilt aber auch für Sie alle hier im Raum und für die Debatte in der gesamten Stadt. … Die zweite Bedingung: Ich bin nur bereit, auf dem Boden des Grundgesetzes zu agieren, und erwarte dies auch von meinem Gegenüber. Dies schließt jede Gewalt und jede Hetze aus.

Und noch einen letzten Gedanken: Dresden mag unter einem erheblichen Imageverlust leiden. Ich glaube aber, dass wir in der jetzigen Situation eine ganz besondere Chance liegt. Die Chance, dass wir über Demokratie, Toleranz und über Grenzen sprechen. Offen, kontrovers und ehrlich. Aus dieser Diskussion kann Dresden gestärkt hervor gehen, während in anderen Stadtgesellschaften vielleicht Dinge nur unter der Oberfläche brodeln. Lassen Sie uns diese Chance ergreifen und nicht dadurch wegwerfen, dass wir nur unsere Meinung für die richtige halten.“

 Quelle:

https://mopo24.de/#!nachrichten/buergerdialog-pegida-hilbert-appelliert-fuer-neuanfang-34123

Dresden

Die Stadt verstummt
in fliegenden KleinGeistern,
siebzigjähriger Atem
verhaucht

Heimatliches Tal,
einst so verträumt,
trägt AngstSchweiß
im Genick.

©Sylvia Kling

Mehr möchte ich persönlich heute nicht dazu sagen.

Bachmännische Neuigkeiten

„Mister Lutz Bachmann sagte vor wenigen Stunden, er will deutschlandweit aufrufen, um am nächsten Montag (21.12.) durch die Neustadt zu marschieren: „Dazu werden Hunderte Helfer aus ganz Deutschland kommen!“ +++ Droht Dresden nächsten Montag auch Straßenkampf wie in Leipzig?“

(Dresdner Morgenpost)https://mopo24.de/#!nachrichten/pegida-dresden-streit-theaterplatz-33445

Na, nach dieser Schlagzeile sicherlich!

„Stattdessen wolle man auf die Neustädter Seite ausweichen, allerdings nicht in die Neustadt, sagte Bachmann weiter.“

In der Tat: Das wäre pegidianischer Selbstmord. Die Neustadt Dresdens ist links.

„Herz statt Hetze“ kündigt via Facebook bereits einen ersten Programmpunkt auf dem Theaterplatz an. „Ab 17.30 Uhr wird der Chor der Semperoper Dresden zusammen mit weiteren Chören der Stadt und uns die Ode an die Freude anstimmen. Von der Semperoper und vom Theaterplatz aus wollen wir damit mit einem Zeichen der Offenheit beginnen“, so das Bündnis.

Auch sz-online meldet, dass die Entscheidung zu Gunsten von Herz statt Hetze gefallen sei.

Doch eine offizielle Entscheidung hat das zuständige Ordnungsamt noch nicht gefällt.“

Das kommt noch, wird aber nicht viel bringen. Die laufen – egal wo (nur eben nicht in der Neustadt).

Heute: 5700 – 6300 Pegidianer  in Dresden

Ein Teilnehmer trägt ein Plakat vor sich her: „Gestern war ich tolerant. Heute bin ich fremd im eigenen Land.“

Der Arme, wirklich bedauernswert. Ein Interview hätte sich sicher gelohnt! Die nächste Sendung „Die Anstalt“ wäre wieder um einiges reicher.

Ehe ich es noch vergesse: Madame Festerling vergleicht den Islam mit dem Nationalsozialismus. Die Frau ist sehr belesen, findet Ihr nicht?

Das ZDF:

„Pegida statt Striezelmarkt: Immer mehr Weihnachtsmarkt-Touristen sagen ihren Ausflug nach Dresden ab. Sie fürchten die fremdenfeindlichen Demonstrationen.“

Es gibt dazu ein aussagefähiges Video mit Interviews – auch Dresdens Oberwürgemeister Hilbert spricht.  Pegidianer lehnen diese Diffamierungen ab. Das schlechte, unweihnachtliche Wetter sei Schuld und es würde Meinungsmache gegen Dresdner geschürt.

Mein Bauch schmerzt, schon ohne Lebkuchen und Dresdner Stollen! Hoch lebe die Demokratie!

Ach so, und: Fröhliche Weihnachten!

 

 

 

Träume

Eine wunderbare Zusammenstellung von Sprichwörtern, Weisheiten und kraftvollen Worten von Uwe – sehr lesenswert und für diesen Tag, so finde ich, genau das Richtige! DANKE, Uwe!

Uwes Blog

Träume verleihen uns die Kraft, dort weiter zu machen, wo die Hoffnung längst aufgegeben hat.

Kein Mensch der Welt ist deine Tränen wert, und der einzige der sie wert ist, wird alles dafür tun, dass du niemals weinen musst.

Eines Tages fragte die Liebe die Freundschaft: “ Warum gibt es dich, wenn ich schon da bin?“ Da antwortete die Freundschaft:“ Um ein lächeln zu geben, wo du Tränen hinterlässt…“

Ich hatte mich gerade an GESTERN gewöhnt, als plötzlich HEUTE wurde! Wie soll ich da Vertrauen in MORGEN gewinnen

Regentage sind nicht die hässlichsten… Es sind die einzigen Tage an denen man erhobenen Kopf durch die Strassen gehen kann, wenn man weint!!!

Für was brauch ich Flügel wenn ich den Wind nicht spüren kann?

Die Liebe ist so unproblematisch wie ein Fahrzeug. Problematisch sind nur die Lenker, Fahrgäste und Strassen!

Der Charakter eines Menschen lässt sich leicht daran erkennen, wie er…

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NPD-Verbot rückt näher – richtig oder falsch und der Film „Er ist wieder da“

Auch, wenn ein Verbot der NPD so manchem nicht behagt und ich durchaus einige Zweifel als verständlich empfinde (ein „Verbot“ in den Köpfen der Menschen kann nun einmal nicht stattfinden!), bin ich inzwischen für den Verbot. Irgendwann müssen wir mal anfangen, diesem nationalsozialistischen Handeln und dem Vertreiben von deren Gedankengut „auf die Pelle zu rücken“.

Hierbei sei auch auf den Film „Er ist wieder da“ hinzuweisen. Ein Film, der recht deutlich (und auch hier geht es nicht mehr prägnanter) darauf hinweist, wie nah uns das rassistische Potenzial kommt. Hier ein Auszug aus einem sehr lesenswerten Artikel zum Film auf

https://wordpress.com/read/post/feed/31462314/882376265

„Den Zenit des Filmes bildet das Interview mit einem NPD-Funktionär. Hitler fragt diesen, ob er mit ihm in den Krieg ziehen möchte. Schließlich ist der Roadtrip nicht nur eine Fantour, sondern in erster Linie eine Rekrutierungsmission für einen weiteren, deutschen Krieg. Dieser antwortet dem Führer nicht sofort, sondern bittet ihn, die Kamera auszuschalten. Auf der Tonaufnahme, die weiterläuft, hört man den Funktionär dann sagen: “Wenn Sie der echte wären, schon.” Angeregt von all den Erfahrungen, die Hitler auf seinem Weg durch Deutschland gemacht hat, kommt er letzten Endes zu einem vernichtenden Fazit, nicht für sich, sondern für das deutsche Volk. Denn er ist sich sicher: “Mit diesem Material kann ich arbeiten!”

Und genau darin liegt das Problem dieser Tage. Wie hoch ist das rassistische Potenzial eigentlich in uns allen? Und ist ein solcher Krieg, wie er 1939 angezettelt wurde, in der heutigen Zeit angesichts der Flüchtlingsdramatik und des Kriegseintritts in Syrien wirklich noch so undenkbar?

Was ist eine Demokratie wert, wenn sie zwangsläufig dazu führt, dass wir uns mit der Duldung der NPD in weiteren Folgen des Nationalsozialismus in keiner Demokratie mehr befinden könnten? Beschäftige man sich mit der Geschichte, erkennt man, was mit Andersdenkenden geschieht, lässt man die NPD auch nur rudimentär Platz zum Agieren, Skandieren, Regieren.

Ich verweise damit nochmals auf meinen gestrigen Beitrag – den rebloggten Beitrag der von mir hochgeschätzten Autorin Martha Frei, der sich mit den Folgen auseinandersetzte – haarscharf und „beinhart“, wie ein Leser im Kommentar auf den Beitrag Marthas schrieb.

Sylvia Kling

Nun zum Artikel (Quellen unten aufgeführt):

„Ein Verbot der Nationalsozialistischen Partei NPD durch das höchste deutsche Gericht scheint nun möglich, nachdem ein erster Anlauf im Jahr 2003 scheiterte. Ein jahrelanger politischer Streit bekommt nun wieder Aufwind.

Das Bundesverfassungsgericht soll die Entscheidung jetzt treffen. Möglichst endgültig und unanfechtbar. Die Hürden für ein Parteiverbot liegen in Deutschland hoch. Kein Minister, keine Partei im Bundestag darf eine andere Partei einfach so abschaffen. Das darf nur das Bundesverfassungsgericht, als höchste juristische Instanz, als Wächter über das Grundgesetz. Deshalb wird es darum gehen, nachzuweisen, dass eine Partei die freiheitliche demokratische Grundordnung beeinträchtigt oder diese zu beseitigen versucht oder den Bestand der Bundesrepublik Deutschland gefährdet. Die Vorkommnisse in zwei Orten könnten ein Beleg dafür sein.

Heidenau und Tröglitz. Zwei Orte in Ostdeutschland, die traurige Berühmtheit erlangt haben. InHeidenau warfen aggressive Rechtsextreme bei einer Demonstration Molotowcocktails auf eine Flüchtlingsunterkunft. In Tröglitz brannte ein Asylbewerberheim. Es gab Morddrohungen gegen Befürworter der Flüchtlingsunterkunft. Daraufhin trat der Tröglitzer Bürgermeister zurück, weil er sich und seine Familie konkret in Gefahr sah.

Diese dramatischen Entwicklungen könnten dem Bundesverfassungsgericht ein Beweis dafür sein, wie gefährlich die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) geworden ist. Im März 2016 wollen die Verfassungsrichter über das Verbotsverfahren gegen die rechtsextreme Partei verhandeln. Damit rückt ein NPD-Verbot erstmals in greifbare Nähe.

Zahlreiche Anschläge auf Flüchtlingsheime: Einige Brandstifter haben Kontakt zur NPD

V-Männer und andere Hindernisse

Die Debatte um ein mögliches Verbot einer Partei, über die sich viele Menschen in aller Welt wundern, dass es sie immer noch in Deutschland gibt, beschäftigt Politiker des demokratischen Spektrums schon lange. Bereits vor über zehn Jahren – 2003 – scheiterte ein erster Verbotsantrag. Damals lehnte das Bundesverfassungsgericht die vorgelegten Beweise im Verbotsverfahren ab, weil zahlreiche Vertrauensleute, sogenannte V-Männer, der NPD-Führungsriege angehörten. Mit diesen angeworbenen V-Leuten hätte nämlich der Staat selbst und damit der Betreiber eines Partei-Verbots Beweise gesammelt. Das darf nach der Verfassung nicht sein. Dieser allgemeine Schutz vor einem willkürlichen Parteiverbot schützte damals auch die NPD.

Diese Hürde scheint nun aber ausgeräumt. V-Leute werden im aktuellen verfahren nicht mehr entscheidend eingebunden. Nun lautet der Knackpunkt: Reichen die Beweise aus, um zu zeigen, dass die NPD verfassungswidrig ist und aktiv gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung vorgeht?

Der Berliner Extremismusforscher Hajo Funke beobachtet die rechte Szene schon lange. Er sagt, die Argumente für ein Verbot wachsen von Woche zu Woche: “Die NPD ist eine der aktiven Agitatoren der flüchtlingsfeindlichen und fremdenfeindlichen Angriffe und Demonstrationen.”

Pro NPD-Parteiverbot: Extremismusforscher Hajo Funke

Jeder Anschlag auf ein Flüchtlingsheim, bei dem die Täter sich im NPD-Umfeld bewegen, sei ein neuer Beweis für das Bundesverfassungsgericht. Ausschreitungen wie in Tröglitz wertet Funke daher als geradezu “bilderbuchartigen Fall für die Gefährlichkeit dieser neonazistischen Partei.” Ein Verbot hat diesmal realistische Erfolgschancen, schätzt der Politikwissenschaftler.

Rechtsextremismus per Verbot stoppen?

Doch lässt sich die rechtsextreme Gesinnung in den Köpfen von NPD-Sympathisanten tatsächlich durch ein Parteiverbot eindämmen? Es ist die entscheidende Frage in der Diskussion um ein Verbotsverfahren. Quer durch alle Parteien gibt es Skeptiker. Sie fürchten, ein Verbot spiele den Rechtsextremen indirekt in die Hände. Tausende NPD-Anhänger könnten – offiziell verboten – als Rechtsterroristen in den Untergrund abtauchen, so die Argumentation. Manche sagen auch: Selbst extreme Ansichten gehören in einer Demokratie zur Meinungsfreiheit. Extremismusforscher Funke entgegnet: “Die Meinungsfreiheit endet dort, wo das Kerngrundrecht verletzt wird oder zerbrochen werden soll.”

Auch im Umfeld der fremdenfeindlichen Pegida-Bewegung gibt es NPD-Sympathisanten

Klar ist: Rechtsextremismus verschwindet nicht automatisch durch das Verbot einer rechtsextremen Partei. Eine tief verinnerlichte Ideologie lässt sich nicht einfach eindämmen, weiß auch Extremismusforscher Funke. Aber ein Verbot würde allen Mitläufern und Sympathisanten deutlich machen: Was ihr tut, ist nicht rechtens. Auch verunsicherte Polizisten und lokale Bürgermeister, die nicht wissen, wie sie sich gegen Rechtsextreme wehren sollen, erhielten durch ein Verbot rechtliche Rückendeckung. “Ein Verbot sichert vor der Gefahr der Gewalt durch Neonazis”, sagt Funke. “Die, die im Schatten von Pegida und AfD als Gewalttäter agieren, könnten so eingedämmt werden.” Die “faschistische Propaganda” aus dem NPD-Umfeld werde auch von Pegida-Anhängern genutzt.

Parteiverbot – in Europa unbekannt

Rechtsextreme Parteien sind nicht nur in Deutschland in der Diskussion. Der Sieg des Front National bei den französischen Regionalwahlen zeigt, wie verführerisch extreme Positionen vielen Wählern angesichts steigender Flüchtlingszahlen erscheinen. Ein Verbot wäre allerdings in Frankreich nicht ohne weiteres denkbar. Auch in Staaten mit langer demokratischer Tradition wie Großbritannien oder den USA sind Parteiverbote nicht in der Verfassung vorgesehen, weil sie als Beschränkung der Meinungsfreiheit gewertet werden. Anders in Deutschland: Als Konsequenz aus dem Nationalsozialismus will das Grundgesetz jegliche Volksverhetzung vermeiden. Ein wichtiger Passus, sagt Hajo Funke, insbesondere in “gesellschaftlich kritischen Situationen”, wie sie derzeit in Deutschland vorherrschen.

Prozess keinesfalls umsonst

Das Hauptverfahren gegen die NPD ist am Dienstag eröffnet worden. Die Innenminister der Bundesländer Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, Holger Stahlknecht (CDU) und Lorenz Caffier (CDU) begrüßen dieses Signal. Unabhängig vom Ausgang sei dies ein “Sieg für den Rechtsstaat”. Selbst wenn es nicht zu einem NPD-Verbot käme, gebe es dann eine höchstrichterliche Entscheidung darüber, wie in Deutschland zukünftig mit solchen Parteien umzugehen sei. Das wäre wichtig für weitere Diskussionen und strategische Ausrichtungen.“

Quelle: Deutsche Welle

https://hajofunke.wordpress.com/2015/12/08/dw-npd-verbot-rueckt-naeher/