Mein Wunsch ging in Erfüllung: Dresden ist aufgestanden!

Sylvia Kling - Dresden vor dem Hauptbahnhof zum Treffpunkt 17.30 Uhr am 09.11.2015

Sylvia Kling – Dresden vor dem Hauptbahnhof zum Treffpunkt 17.30 Uhr am 09.11.2015

Heute informierte ich Euch über die Demo am Montag, den 09. November „Herz statt Hetze“ in Dresden. Zunächst möchte ich meine Eindrücke und Gedanken mit Euch teilen. Anschließend folgen Auszüge aus den Beiträgen „Herz statt Hetze“ auf Facebook.

Es war ein bewegendes Bild. Alle Altersgruppen waren anwesend: Vom Säugling im Tragetuch der Mutter über alte Leutchen mit Gehhilfe. Das war das Erste, was mich faszinierte. Die Reden waren in keinster Weise polemisch. Die Stimmung war friedlich. Die Musik aus dem Lautsprecherwagen lud auch zu einer heiteren Atmosphäre ein. Die Menschen waren freundlich und man kam mit so manchem Dresdner ins Gespräch, lachte auch gemeinsam. Einige Tränen flossen, gerade als Frau Dr. Goldenbogen auf die Geschehnisse in der Reichsprogromnacht 1938 einging.

Meine (ich gebe es unumwunden zu) Vorstellung von solch einer Demo war, dass sich linksradikale Gruppen bilden, ggf. Ausschreitungen stattfinden könnten und so war ich mir nicht sicher, was mich erwartete. Nun überraschte es mich positiv, dass sich nichts dergleichen ereignete. Es waren Menschen „wie du und ich“ – Menschen mit Empathie und Differenzierungsvermögen, die sich gegen Menschenfeindlichkeit, Rassismus und das Vergessen um die Kriegsverbrechen stellten.

Sylvia Kling - mit Genehmigung der jungen Damen fotografiert am 09.11.2015 in Dresden

Sylvia Kling – mit Genehmigung der jungen Damen fotografiert am 09.11.2015 in Dresden

Mich hat vor allem begeistert, dass sehr viele junge Menschen anwesend waren, die in Erinnerung ihrer Vorfahren an die nationalsozialistische Zeit an die Dresdner appellierten, dass diese Geschichte nicht in Vergessenheit geraten darf.
Ich gebe zu: Mir standen Tränen in den Augen. Ich war doch der Ansicht, dass sich die Jugend einen „Dreck“ darum schert, was der Nationalsozialismus in der Welt angerichtet hat. Nun erkannte ich eine ungeheure Sympathie- und Menschlichkeitswelle, die mich überwältigte.


In der Nähe fand die montagliche Pegida-Veranstaltung statt. Es war schon ein eigenartiges Gefühl. Wie aus den unteren Auszügen zu entnehmen ist, versuchten einige Pegida-Teilnehmer, unsere Veranstaltung zu stören.

Sylvia Kling - Demo am 09.11.2015 in Dresden "Herz statt Hetze"

Sylvia Kling – Demo am 09.11.2015 in Dresden „Herz statt Hetze“

Nun die Auszüge aus den Beiträgen von „Herz statt Hetze“ auf Facebook:

„Liebe Leute. Wir sind immer noch begeistert von euch!
Wir möchten euch nun unser erstes Fazit mitteilen. Das ist in ganz großen Teilen positiv, mit einem großen Aber, was mit den hiesigen Polizei- und Ordnungsbehörden zu tun hat. Aber dazu später mehr.

Wir starteten 17.30 Uhr am Hauptbahnhof mit unserer Auftaktkundgebung an einem gut gefüllten Wiener Platz. Dort sprach der Bürger*innenrechtler und Pfarrer i.R. Hanno Schmidt. Er stellte die Bedeutung des 9. November 1989 heraus und macht deutlich, wie Pegida diese Zeit völlig zu unrecht vereinnahmt.
Außerdem wurde hier ein Text von Michael Bittner (wer nicht weiß, wer das ist: einfach mal unter http://www.michaelbittner.info nachschauen) verlesen.

Anschließend starteten wir unsere Demonstration zum Neumarkt. Der Vollständigkeit halber sei hier noch mal erwähnt, dass wir eigentlich eine andere, innenstädtischere, Route genehmigt bekommen hatten, die aber durch behördliche Willkür am Freitag verboten wurde.

Auf dem sehr gut gefüllten Neumarkt hielten wir eine Zwischenkundgebung ab, auf der das Bündnis Dresden Nazifrei die historische Dimension des 9. November nochmals verdeutlichte, nicht ohne auch die zu kritisierenden Tendenzen von 1989 aufzuzeigen.

Nach dem kurzen Weg zur Synagoge haben wir dort unsere Abschlusskundgebung abgehalten. Umrahmt von Klezmermusik hat dort vor mindestens 6.000 Zuhörer*innen die Vorsitzende der Jüdische Gemeinde zu Dresden, Dr. Nora Goldenbogen einen bewegenden und unter die Haut gehenden Redebeitrag zur Pogromnacht und den heutigen Parallelen gehalten. Denn die Hetze von heute unterscheidet sich kaum von der Hetze und dem Hass von damals. In einer anschließenden Schweigeminute gedachten wir den Opfern der Shoa.

Die Abschlusskundgebung klang mit Klezmermusik aus. Also sie sollte damit ausklingen und in der anschließenden Abschlussdemo zum Bahnhof Neustadt münden. Nur kam es dann zu einem Zwischenfall, der, wieder ein mal symptomatisch für das Verhalten hiesiger Behörden ist. Unsere Kundgebung wurde aus Richtung der Brühlschen Terrasse von aggressiven Pegida-Nazis angegriffen. Nur dem besonnen Entgegenstellen unserer Demonstrationsteilnehmer*innen konnte schlimmeres verhindert werden, da die sächsische Polizei nicht Willens war, diese Eskalation der Pegiden im Vorfeld zu verhindern. Wir werden im nächsten Post darauf noch mal detailliert eingehen.

Wir hätten es schön gefunden, wenn unsere Veranstaltung ohne dieses erschreckende Aber ausgekommen wäre, aber wir sind ja hier in Dresden.

Zum Schluss bleibt aber ein insgesamt sehr positives Fazit festzuhalten. Viele Menschen haben den 9. November gewürdigt – unsere Redner*innen, die Künstler*innen, die Menschen, die das alles organisiert haben und die als Ordner abgesichert haben, die unterstützenden Organisationen, namentlich Dresden Nazifrei, Postplatzkonzerte, Dresden für alle, Bündnis 90/Die Grünen Dresden, DIE LINKE. Dresden, SPD Dresden und deren Jugendorganisationen, aber auch alle weiteren und vor allem IHR ALLE.
Dafür gebührt euch unser Dank.

Wir hätten auch gern der Polizei und der Versammlungsbehörde gedankt, aber für deren Verhalten bleibt, wie so oft im vergangenen Jahr nur Kritik übrig.
Ihr könnt euch sicher sein, dass wir weiter kämpfen werden. Wie aber es genau weiter gehen wird, müssen wir demnächst besprechen – zu gegebener Zeit dazu mehr.

Wehret den Anfängen!

Kritik an Polizei und Versammlungsbehörde +++

Wie im vorigen Post schon angekündigt, möchten wir nun noch mal detailliert auf die massive Fehlleistung der Polizei Sachsen am 9. November eingehen. Und da werden wir jetzt mal etwas deutlicher.

Die ganze Misere hat sich in der letzten Woche schon angekündigt. Sowohl Versammlungsbehörde als auch Polizei haben uns deutlich gemacht, das „Übel“ am Versammlungsgeschehen am 9. November zu sein. Der Grundrechte sei Dank, konnten wir trotz Schikanen, wie zum Beispiel dem kurzfristigen Verbot unserer Innenstadtroute, trotzdem unsere Demonstration abhalten. Die Art und Weise, wie mit unserer Demonstration aber schon im Vorfeld umgegangen wurde, erschreckt aber noch immer. Schließlich haben wir an der Synagoge mit der Rednerin Dr. Nora Goldenbogen eine Kundgebung abgehalten, die explizit an die Shoa und die Verbrechen der Deutschen im Dritten Reich erinnert hat. Wer hier, wie die genannten Behörden agiert, hat wahrlich aus der Geschichte nichts gelernt.

Wir möchten folgende Dinge feststellen:

1. Wir haben, trotz aller Widrigkeiten, eine würdige Demonstration veranstaltet.
2. Zu keinem Zeitpunkt ging von Seiten unserer Demonstration auch nur ein Zeichen der Provokation aus.
3. An der Synagoge haben wir für Dresden, im Übrigen in Abwesenheit des Stadtoberhauptes, das Zeichen für Dresden gesetzt, das sich für diesen Tag gehört. Andere Teile der aktuellen und ehemaligen Stadtspitze waren durchaus anwesend, was wir hier entsprechend würdigen.
4. Wir hatten bis ca. 20.50 Uhr ein komplett entspannte Kundgebung und bereiteten die Abschlussdemo zum Bahnhof Neustadt vor.
5. Zu diesem Zeitpunkt kamen plötzlich Pegidisten über die Brühlsche Terrasse in den Bereich unserer Demonstration. Und das ohne irgendeiner Anwesenheit von Polizeikräften in diesem Bereich.
6. Nur dem besonnen und friedlichen Eingreifen unserer Demonstrationsteilnehmer*innen ist es zu verdanken, dass es zu keinen weiteren Übergriffen der Pegiden kam.
7. Warum die Polizei uns an diesem Punkt nicht von vorn herein schützen wollte, bleibt uns schleierhaft. Es gibt in Dresden kaum einen Punkt, der sich so einfach abriegeln lässt, wie der Zugang zur Terrasse (wie wir schon mehrfach feststellen durften)
8. Der Polizei war klar, dass am Schlossplatz über die Terrasse Pegiden abreisten. Das ungebremste Gewähren werten wir daher als vorsätzliche Eskalation.
9. Anstatt unsere Demonstrationsteilnehmer*innen vor den aggressiven Pegiden konsequent zu schützen, fielen diese in die bekannten Reflexe zurück, die zunächst gegen die rechtmäßige Kundgebung gerichtet waren. Nur dem besonnen Einsatz einzelner Polizeibeamter war es zu verdanken, dass die Hitzkopfbeamten die vorprogrammierte Eskalation nicht zu Ende führten.
10. Der Bericht der Polizei zum Versammlungsgeschehen (http://www.polizei.sachsen.de/de/MI_2015_39195.htm) spricht Bände und ist schlicht und ergreifend unwahr. Man könnte auch Lüge dazu sagen: „Im Bereich Hasenberg kam es gegen 20.50 Uhr zu gegenseitigen verbalen Provokationen und einem Gerangel zwischen den Teilnehmern der Versammlung ‚Für Weltoffenheit und Toleranz‘ und einzelnen ehemaligen Teilnehmern der Demonstration des Pegida Fördervereins e. V. Einsatzkräfte konnten die Situation vor Ort schnell beruhigen.“
Die Beruhigung kam nach massivem Einfordern unserer Versammlungsleitung zustande.
Um es noch einmal klar zu sagen: Die Pegiden wollten in unsere Demonstration eindringen. Die Polizei wollte nicht schützen. Unsere Demonstration hat sich gegen das Eindringen gewehrt. Das ganze so verharmlosend darzustellen, wenn durchaus Schlimmeres hätte passieren können, ist skandalös.
11. Wir erwarten eine umfassende Entschuldigung der sächsischen Polizei und des Innenministers zu diesem ungehörigen Verhalten, am 9. November eine Kundgebung an der Synagoge nicht vor gewaltbereiten Nazis zu schützen. Und wir erwarten Konsequenzen für die beteiligten Verantwortlichen.
Wir nehmen diese Art des Umgangs nicht mehr länger hin.
12. In jeder anderen Stadt und in jedem anderen Bundesland wäre ein solches Verhalten mit großer Wahrscheinlichkeit undenkbar.“

Sylvia Kling - vor der Frauenkirche der erste Halt - Dresden am 09.11.2015

Sylvia Kling – vor der Frauenkirche der erste Halt – Dresden am 09.11.2015

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12 Gedanken zu “Mein Wunsch ging in Erfüllung: Dresden ist aufgestanden!

  1. Danke für Deinen ausführlichen Bericht… Wie schnell die Vergangenheit und auch die Gegenwart verdreht werden kann… Es stimmt mich nachdenklich aber auch hoffnungsvoll dass es noch Menschen gibt die es nicht einfach hinnehmen…

    Liebe Grüsse
    Nil

    Gefällt 1 Person

  2. Den gleichen Eindruck wie du hatte ich während der Kundgebung hier in München auch. Wahrscheinlich auch aus diesem Grunde, wegen dieser deutlich erkennbaren Friedfertigkeit, befanden sich am Odeonsplatz lediglich acht Polizisten/innen, und wir waren ca. 3.000 Demonstranten/innen. Nie vergessen werde ich den schweigenden Marsch Richtung Münchner Siegestor, so gut wie völlig ohne Polizeipräsenz – aber das hast du auf meinem Blog ja eh schon gelesen. 😉

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  3. Freut mich, das zu hören. Die Reaktion der Behörden und der Polizei wundert mich überhaupt nicht, es hier überall so. Man hat genug damit zu tun, Gegendemonstranten zu Nazikundgebungen zu kriminalisieren und erkennungsdienstlich zu behandeln. Der Nährboden für Pegida und Co. wurde schon seit Langem bereitet.
    Herzliche Grüße, Eberhard

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