Primitiver Voyeurismus und die Würde des Menschen ist …

„Zusammenbruch des BMW-Chefs bedient primitiven Voyeurismus

Die Bilder sind eine „Sensation.“ Medien „müssen“ sie der Öffentlichkeit
zugänglich machen. Das, was sie zeigen, „muss“ man gesehen haben.

BMW-Manager Harald Krüger ist bei einem Auftritt auf der Internationalen
Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt kollabiert. Ein gesundheitliches
Problem. Fotografen waren zur Stelle. Ihre Reflexe greifen. Sie tun das,
was Fotografen eben tun: Sie fotografieren, sie halten drauf. Die Bilder
sind gemacht. Da liegt er nun. Der Chef eines großen Automobilkonzerns. Am
Boden. Welch eine Symbolik.

Die Nachrichtenportale und Internetseiten der großen Medien erkennen den
Wert der Bilder. Rasch „informieren“ sie den Mediennutzer darüber, was
Krüger passiert ist. Dank der gestochen scharfen Aufnahmen dürfen sich die
Rezipienten den Kollaps des Spitzenmannes aus der Wirtschaft im Detail
anschauen. Den Fall, die Körperhaltung, die Gestik, die Gesichtszüge. So
sieht es also aus, wenn der „große BMW-Chef“ aufgrund eines
gesundheitlichen Problems zusammenbricht.“ …

„Das ist es, was eine Medienberichterstattung leisten kann, deren
überragende Qualität allenfalls von einigen notorischen Medienkritikern in
Frage gestellt wird. Klingt in diesen Zeilen Sarkasmus an? Nein, um
Himmelswillen. Das ist alles ernst gemeint.

Die Bilder sind schließlich von großer gesellschaftlicher Bedeutung. Sie
müssen der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Sie
„dokumentieren“, mindestens, auf beispiellose Weise „den Untergang“ der
BMW Group, eines der größten Wirtschaftsunternehmen in Deutschland.“ …

„Die Bilder zeigen nichts weiter, als einen Menschen, dem seine Gesundheit
zu schaffen macht und der bei einem öffentlichen Auftritt zusammenbricht.
Sollten Medien, die sich selbst einen verantwortungsvollen Umgang in ihrer
Berichterstattung auf die Fahnen geschrieben haben, diese Bilder
veröffentlichen?

Welchen Informationsgehalt transportieren die Bilder? Respektieren die
Bilder die Würde, die jeder Mensch hat – und sei es auch die Würde der oft
verhassten Chefs großer Unternehmen? Nein, sie treten, so darf man es
durchaus sehen, die Würde mit Füßen.

Der Informationsgehalt der Bilder geht geradezu gegen null. Sie bedienen
einen primitiven Voyeurismus. Auch wenn Krüger durch seine exponierte
Stellung in einem großen Unternehmen und seinen diversen öffentlichen
Auftritten ein Medieninteresse auf sich zieht, auch wenn der Zusammenbruch
bei einem öffentlichen Auftritt geschieht: Müssen Medien wirklich der
Öffentlichkeit aufzeigen, wie ein mehr oder weniger prominenter Menschen
aussieht, wenn er aufgrund eines gesundheitlichen Problems die Kontrolle
über seinen Körper verliert und seine Gesichtszüge entgleisen?

Nein, das müssen sie nicht. Die reine Nachricht, ohne die Bilder, die den
Zusammenbruch zeigen, wäre die medienethisch saubere Entscheidung gewesen.

Doch man macht es sich zu leicht, wenn man nur die Medienseite in den
Blick nimmt. Auf Bild.de, beispielsweise, war der Artikel mit den Bildern,
die den Kollaps von Krüger zeigen, unter den Artikeln, die am meisten
angeklickt wurden. Die Lust an einem primitiven Voyeurismus unter Teilen
der Rezipienten und der wenig sensible Umgang mit der Würde eines Menschen
durch die Medien scheinen sich gegenseitig sehr gut zu befruchten.“

Marcus Klöckner, 16.09.2015″

Zum gesamten Artikel:
http://heise.de/tp/foren/S-Journalismuskritik-Schaut-ihn-euch-an-den-Kollabierenden/forum-295803/list/

Endlich spricht mal wieder jemand die Wahrheit. Wenn man leider beim Lesen selbst beinahe kollabiert. Doch wird es nichts ändern. Wieder werden es nur die lesen, dem zustimmen, die ohnehin schon nicht mit dieser Form der Öffentlichkeit konform gehen.
Die Frage nach dem, was der Mensch heute lesen und hören will, ist letztendlich zirkulär.

Ich erinnere mich an einige Beispiele, die in das Raster des von Marcus Klöckner beschriebenen Voyeurismus fallen.
Da war der junge Mann, der sich vor laufender Kamera in die Hose nässte.
Dieses Bild ging in wenigen Stunden durch die Medien. Die Leute amüsierten sich. Der junge Mann wurde ausgelacht, diskriminiert, verhöhnt.
Den Menschen war es gleichgültig, wie sich dieser Mann fühlte, ob er überhaupt noch ein ruhiges Leben haben werde. Wie lange ihm dieser Vorfall nachhing, welche Auswirkungen die Reaktion der Medien und der Menschen auf seine Psyche, auf sein weiteres Leben hat.

Macht sich überhaupt noch jemand um den Menschen an sich Gedanken oder lassen wir uns gern zum Täter machen? Ja, so krass würde ich es formulieren.

Es scheint anzustrengen, darüber nachzudenken, über wen und worüber man seine Bauchmuskeln beansprucht. Außerdem lenkt es wunderbar von den eigenen Unzulänglichkeiten ab. Es wird eine bornierte Kompensierung gefördert. Hier gilt es frei nach dem Motto: „Rette sich wer kann!“

Ich denke dabei auch an Mirja Bös (Comedy), die sich offen über inkontinente oder komatöse Menschen lustig macht. Darf Comedy alles? Ja, sicher, auch stigmatisieren,deutlich grenzübertretende, üble Grimassen am Bett einer Komapatientin machen. Da huscht mir kein Lächeln über das Gesicht, sondern ein Schatten des Fremdschämens.
Ich nenne das nicht nur Voqeurismus, sondern auch krankhaft und pietätlos. Er reiht sich in die Kette der geistigen Perversion ein.

Doch wie werden die Menschen in unserer Gesellschaft „erzogen“? Zählen wir den Verdummungsirrsinn mal auf:

-Schwiegertochter gesucht
-Frauentausch
-Bauer sucht Frau
-DSDS
-Ich bin ein Star – holt mich hier raus

und viele mehr.
Das Volk wird unterhalten. Brot und Spiele – das funktioniert seit mehr als tausend Jahren.
Menschen mit schlichtem Gemüt werden für Sendungen mißbraucht, bei deren Ansehen ich ungewollt eine Diät beginne.
Ist Deutschland so dumm?

Die Honigtöpfe sind aufgestellt.

Wir schlängeln uns systematisch, aber nicht überraschend, einer sozialen Volksverrohung entgegen.

Die Würde des Menschen ist (unantastbar?) in diesem Land genauso viel wert wie ein in den U-Bahnschacht gefallener Kaugummi.

Wo sind wir gelandet? Im Volkskindergarten für zurückgebliebene Förderbedürftige?

Sylvia Kling


„Aus dem Satirekabinett 2014:
http://www.sylvia-kling.de/menu/satirekabinett.php)):

FernsehWahn(Un)Sinn

Auf deutsches Fernsehen
darf man zählen:
“Berlin Tag und Nacht”,
“ShoppingQueen”,
nur gründlich sei zu wählen,
bloss keine Schlüsse ziehn

Sie schreien, zetern,
saufen,
sie rülpsen ungeniert,
man sieht sie Haare raufen
(der Bildschirm wird verziert!)

Schmarotzer und die Huren,
sie werden zu Engeln gemacht,
da kommt so mancher auf Touren,
das wäre doch gelacht

Wenn der Bauer
seine Frau noch sucht
und Gerichtsvollzieher kommen,
wird mitgelitten und geflucht,
der Niveauberg hoch erklommen

Will jemand seine Frau vertauschen,
nur zu (das lohnt sich vielleicht)
oder mit Günter Jauch mal plauschen
bis er dir die Segel streicht

So lohnt sich glatt das Sofaleben
(kommt niemand auf dumme Ideen),
ein unvergängliches Streben
in Dummheit nichts zu sehen.

(g.U. Sylvia Kling)

newstopaktuell.wordpress.com

newstopaktuell.wordpress.com

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14 Gedanken zu “Primitiver Voyeurismus und die Würde des Menschen ist …

  1. Das, was du beschreibst, ist der unendliche Kreis. Unsere Informationsmedien sind Unternehmen, die aus dem Gewinn der verkauften Informationen leben. Das Fatale ist ja, dass mit der Zeit auch der Anbieter sich auf das Niveau der Kunden herab lässt. Es ist nicht mehr die fundierte Recherche gefragt, sondern der schnelle Infokick.
    Und die guten Journalisten sterben aus.
    Was Statistiken betrifft: Ich glaube schon, daß die Ergebnisse stimmen. Aber wir wissen ja nichts über die Erhebungsdetails 😉

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    • Ich stimme Dir (wie so oft) zu. Allerdings in einem Punkt nicht: Ich traue nur wenigen Statistiken. Es ist immer die Frage, wer die Statistik in Auftrag gibt – aber das ist schwierig zu erkunden.
      Ein Beispiel: (Allerdings fehlen mir jetzt die genauen Prozentzahlen – da müsste ich auf dem anderen Blog nachsehen)
      Veganer hätten den besten Sex.

      Mein Gott, so ein Schwachsinn! WAS vermittelt uns denn diese Statistik?
      Eine ungewaschene Möhre eignet sich vorzüglich für die Steigerung der Libido?
      🙂

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      • Liebe Sylvia, ich denke, wir sind uns trotzdem einig. Was ich meinte ist, dass die Statistik an sich nicht „falsch“ ist, sehr wohl aber unsinnig sein kann, weil man die falschen Zahlen und Fakten in Relation setzt. Und die meisten Statistiken informieren nicht im Detail, was und wie und wieviel da zusammengerechnet wurde.
        Sobald dann natürlich noch Dinge dazu kommen, die nicht messbar sind, sind Statistiken sehr wacklig.
        Was mich jetzt bei der Möhre interessiert: Ist es die Möhre oder der Dreck, die bzw der zur Steigerung der Libido beiträgt? 🙂

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      • Ja, hast ja Recht. Ich bin allgemein äußerst misstrauisch geworden.

        Äh, die Möhre – glaube ich zumindest. Morgen schaue ich auf dem Autorenblog mal nach dem Beitrag und schicke Dir den Link.
        Sollte man auf veganische Ernährung umsteigen? Ich zumindest würde abnehmen. Das wäre ein vielversprechender Nebeneffekt.
        Nur habe ich auf so eine tofuähnliche Legosteinfrisur überhaupt keine Lust. Ich liebe meine langen Pferdehaare – eben völlig unVegan. 😂😂😂😂😂

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  2. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Und das, was uns Medien als notwendige Informationen und Pressefreiheit vorgaukeln, ist die Ware, die der „Kunde“ will. Egal ob TV, Radio oder Druckmedien, alle müssen ihr Klientel bedienen. Und für viele Menschen ist eine gut recherchierte, menschenwürdige Reportage einfach zu langweilig.
    Ich bevorzuge schon seit langem die Nachrichten im Radio, weil die Bilder im TV mich in meinem Denken beeinflussen.
    Leider sehen sich unsere öffentlich rechtlichen Programme immer mehr im Zugzwang, den Trend der Privaten zu kopieren.
    Ehrlich gesagt, fällt es mir immer schwerer, objektive Berichterstattung zu finden.

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    • Wenn sie bestimmtes „Klientel“ nicht bedienen würden, so würden sich auch nicht solche Verblödungen weiterverbreiten. Ein Klientel dieser Art kann auch geschaffen werden.

      Du filterst die Nachrichten, einige andere auch. Mich würde mal der prozentuale Anteil derer interessieren, der dies nicht tut. (Das werden wir sicher nicht erfahren und selbst wenn es eine Statistik gibt, so ist dieser kaum zu trauen ;-).)

      Liebe Grüße
      Sylvia

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  3. Ja wahrscheinlich. Da fällt mir gerade eine damalige Kollegin aus DDR Zeiten ein….sie konnte stundenlang über den damals im Westfernsehen laufenden Denver Clan schwadronieren, ja und während sie im Sessel am Tisch rauchend ihren Gedanken freien Lauf ließ, machte ich nebenbei die ganze Arbeit….Später kam dann raus, dass genau diese Kollegin für die Stasi gespitzelt hat und ich mußte mich sehr zusammenreißen, als ich in meinen Stasiakten ihre dämlichen Berichte fand…..Der Durchschnittsdeutsche kann auch anders, nämlich gefährlich sein….Und das ist es eigentlich, was mir Angst macht.

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  4. Liebe Sylvia,
    da bin ich genau Deiner Meinung und manchmal komme ich mit schon so vor, als betrachte ich von Außen ein irres Kasperletheater….Und trotzdem bin ich wieder und wieder entsetzt ob des minimalen Niveaus in unseren Medien. Muß man sich da jetzt anpassen? Lebt es sich vielleicht sogar dann leichter? Ich weiß es nicht, zum Glück erlebe ich auch andere Menschen, z.B. gestern bei einem wunderschönen Klassikkonzert in der Mendelssohn-Remise am Gendarmenmarkt. Ja es gibt sie noch, diese intellektuell anspruchsvolle Momente. Man muß sie nur finden.

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    • Liebe Katrin,

      natürlich gibt es die – um Himmels Willen, wo kämen wir hin, wenn wir ohne dieser Momente leben müssten und völlig ohne jener Menschen, die sich diesen primitiven Gelüsten nicht hingeben.
      Es ist jedoch zu offensichtlich, was uns mit dem Fernsehprogramm vermittelt werden soll. Es gibt genügend Gesprächsstoff in Männer- und Frauenrunden, unter Jugendlichen und alles ist gut – so in etwa?
      Es erschreckt mich, wenn ich Menschen beobachte, die sich nach genüßlichem Fernsehabend sinnlosen Diskussionen über „Schwiegertochter gesucht“ oder ähnlichen Schwachsinn stundenlang austauschen – nichts wissend von den Dingen, die in der Welt geschehen. Dazu kommt dann noch das Auslassen über Ausländer – das Bild ist komplett. Das Bild des Durchschnittsdeutschen???

      Liebe Grüße

      Sylvia

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