Ist das Wetter Schuld?

Sylvia Kling

Sylvia Kling

Heute früh erreichte mich eine Nachricht: „Fühlst Du Dich auch so schlecht? Diese Wetterschwankungen machen mich ganz wirr.“

Stimmt: Mit einem Blick aus dem Fenster war das Düstere des Tages zu erkennen. Ich reckte und streckte mich mehr als sonst. Meine Augen wirkten kleiner und glanzloser als sonst, die Haut verliert langsam die starke Sonnenbräune.

Selbst der Junior, sonst immer munter und früh unverschämt gut gelaunt, zog heute die Mundwinkel nach unten. Missmutig stemmte er seine wieder viel zu schwere Schultasche auf die Schultern und trabte mit hängendem Kopf zum Schulbus.

Auf dem Autorenblog veröffentlichte ich heute auch noch „Der Mutlose“ – ein Gedicht über einen Lebensmüden.

Oh oh, was wird das heute?

„Bei Wetterwechsel – und im Frühling oder Herbst, wenn Wetteränderungen zwischen bedecktem Himmel und Sonnenschein häufig auftreten, klagen wieder viele Menschen über Kopfschmerzen und Müdigkeit. Sie sind wetterfühlig. Wetterfühligkeit ist ein häufig auftretendes gesundheitliches Problem in Europa. Kurz bevor das Wetter umschlägt oder kurz danach, machen sich Symptome wie Kopfschmerzen, Kreislaufstörungen, Stimmungsschwankungen, Müdigkeit oder Arbeitsunlust bemerkbar, um nur die wichtigsten zu nennen.

Wechselwirkung Wetter und Psyche

Es ist allerdings nicht das Wetter, dass diese Leiden direkt verursacht oder auslöst. Im Gegenteil, es greift nur an schon vorhandenen gesundheitlichen und seelischen Schwachpunkten an. Es ist möglich, unter Beobachtung von Symptomen, die bei einer Wetteränderung auftreten, Rückschlüsse zu ziehen auf den gesundheitlichen Allgemeinzustand. Denn jeder Mensch wird von seiner klimatischen Umgebung von allen auftretenden Witterungseinflüssen gleich stark beeinflusst. Ein gesunder Organismus ist in der Lage, dies so zu regulieren, dass er nicht bewusst in seinem Empfinden beeinträchtigt wird. Jeder Mensch reagiert auf das Wetter. Die sogenannten „Wetterstabilen“ bemerken dies jedoch gar nicht bewusst, im Gegensatz zu den sogenannten „Wetterfühligen“, deren Nervensystem stärker oder früher auf Witterungsreize reagiert. Wetterfühligkeit kann in jedem Lebensalter auftreten. Schon Säuglinge und Kleinkinder weisen zum Beispiel eine erhöhte Schwitzneigung bei Wetteränderung auf. Ab dem 60. Lebensjahr nimmt die Häufigkeit von Wetterfühligkeitsphasen wieder etwas ab. Frauen sind ausgeprägter wetterfühlig als Männer.

Faktoren, die Wetterfühligkeit verstärken können

Oft sind Wetterfühlige nicht nur körperlich, sondern auch seelisch labiler. Gerade bei Menschen, die im Allgemeinen eine eher pessimistische Grundeinstellung oder öfters Stimmungsschwankungen haben, ist die Gefahr groß, dass sie ihre psychischen Probleme dem Wetter „in die Schuhe schieben“, wenn sie bemerken, dass sich ihre Stimmungsschwankungen bei Wetteränderungen noch vertiefen. Das ist sicherlich eine naheliegende Verhaltensweise, denn wenn das Wetter an allem schuld ist, dann kann man selbst nichts an der grundlegenden Problematik ändern. Aber auch hier gilt: Zuerst ist die erhöhte psychische Verletzbarkeit gegeben und erst dann greift das Wetter daran an. Die Ursache ist also eher in der eigenen psychischen, physischen oder sozialen Lebenssituation zu suchen, das Wetter weist nur noch mehr auf diese Problematiken hin.

Ebenso macht ein überhöhter Konsum von Alkohol und Nikotin wetteranfällig. Denn diese beiden Genussmittel wirken auf Herz und Kreislauf, ein beliebter biologischer Angriffspunkt des Wetters. Bei Menschen, die regelmäßig zu viel Alkohol trinken, nimmt die Wetterfühligkeit interessanterweise ab dem 30. Lebensjahr kontinuierlich wieder ab. Das beruht allerdings auf der bedauernswerten Tatsache, dass Seele und Körper als Folge von jahrelangem Alkoholmissbrauch nicht mehr in der Lage sind, auf feine Reize zu reagieren, sondern nur noch auf nachhaltige und laute Reize reagieren können .

Zusammenhang zwischen Wetter und Suizid

Oft wird auch die Vermutung zur Sprache gebracht, dass Suizide jahreszeitlich bedingt sind. Nähere Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass die meisten Suizide bei ausgesprochen schönem Wetter verübt werden und nicht im Winter oder bei Regenwetter, wenn alles Grau-in-Grau erscheint. Das legt den Schluss nahe, dass depressive Menschen ihr Leiden leichter ertragen können, wenn auch ihre Mitmenschen aufgrund des schlechten Wetters „schlecht drauf“ sind. Das Problem verstärkt sich jedoch, wenn bei strahlendem Sonnenschein die Menschen in der Umgebung fröhlicher und unternehmungslustiger werden, zwei Faktoren, die bei einer Depression natürlich fehlen.

Wie Wetterfühligkeit reduziert werden kann

Personen, die von Wetterfühligkeit betroffen sind, können darüber nachdenken, wo ihre körperlichen und seelischen Schwachpunkte liegen, die es dem Wetter erlauben, belastend in das eigene Leben einzugreifen, und wie diese positiv beeinflusst werden können. Der Konsum von Genussgiften kann abgebaut werden, zu viel Stress kann aufgefangen werden durch körperliche Entspannungsübungen oder durch umgeleitete Energie in den Freizeitsport. Ausreichend Schlaf, eine ausgewogene Ernährung und viel Bewegung helfen außerdem mit, der nächsten Wetteränderung gelassener zu begegnen.“

Quellen:

Emile Durkheim, Der Suizid, 1983

Gerhard Leibold, Wetterfühligkeit. Ursachen, Symptome, ganzheitliche Behandlung, 2000

Mein Fazit:

Es scheint uns im ersten Moment zu entlasten, dem Wetter die Schuld an Stimmungsschwankungen und Depressionen sowie körperlichen Symptomen zu geben.

Doch auf Dauer sollten wir uns mit der Tatsache abfinden, dass wir in uns selbst in erster Linie die Ursachen finden sollten.

Heute wollte ich ursprünglich wieder walken gehen. Nach einer sehr unruhigen, zu kurzen Nacht freute ich mich auf den Lauf um den See (ca. eine Stunde).  Die frische Luft wäre mir gerade heute gut bekommen. Der Regen hält mich ab. Der Himmel wirkt, als ob schon der Abend beginnen würde . Mich friert, mein Kopf schmerzt. Meine Nieren reagieren auf Kälte infolge meiner Erkrankung stets „allergisch“.

Ich habe eine Idee. Ich arbeite jetzt ein wenig – ausreichend angezogen, vor mir eine Tasse dampfender Tee  und lektoriere ein Manuskript weiter. Das macht Freude und fordert mich. Nichts ist schlimmer als Untätigkeit, Faulheit oder geistige Verwesung 😉.

Es gibt draußen wie drinnen nichts Schlechtes – es sei denn, wir fühlen es schlecht.

Ich wünsche allen eine angenehme Herbstzeit.

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😃😊

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10 Gedanken zu “Ist das Wetter Schuld?

  1. Obwohl ich heute einen guten Tag habe, kenne ich das Phänomen der Wetterfühligkeit auch sehr gut, sogar als Kind hatte ich das Wetter schon gespürt. Bei mir sind es eher die Winde oder Stuerme, die meinem Körper ganz klar dessen Grenzen aufweisen. Ja was hilft da? Manche Dinge lassen sich nicht aufschieben, aber man kann etwas langsamer den Tag angehen, mal ein Kerzchen anzünden und ich gönne mir auch mal Schokolade. Und ich kauf immer viel Obst, immer das saisonal angesagte. momentan Weintrauben. Ich lebe da nach dem Motto, dass einem der Körper sagt, was er braucht. Also nun kommt der Herbst, stelle ich einen schönen Herbststrauss auf den Tisch und geniesse die neue Gemütlichkeit wieder im trauten Heim!

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  2. Interessant. Ich hatte schon gegrübelt, warum ich plötzlich wetterfühlig geworden bin. Es liegt also einfach nur am Stress: durch die Tortur die wir durchlebt haben kann ich den Wetterumschwung nicht ausgleichen. Das macht ja Hoffnung, dass es sich wieder ändert.
    Aber am schönsten an deinen heutigen Post ist natürlich der Spruch. Genial. Könnte mein Lebensmotto sein. Jetzt mit Simmi tragischerwe noch mehr, da ich ja vieles angelesen habe um ihr helfen zu können. Normalerweise sind für mein Lebensmotto aber natürlich keine medizinischen Bücher gemeint. 😉

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