„Die große Transformation hat gerade erst angefangen.“ – Der Mensch im latenten Schlummerzustand?

Einleitend empfehle ich diesen, sehr interessanten Online-Artikel aus TELEPOLIS:

http://www.heise.de/tp/artikel/45/45727/3.html

Es ist nicht zwingend als Sonntagslektüre zu empfehlen. Ich warne Euch vor, um nicht Schuld daran zu sein, Euch den wohlverdienten, erholsamen Sonntag zu verderben.

Zu der Person des Autors:

„Fabian Scheidler, geboren 1968, studierte Geschichte und Philosophie an der Freien Universität Berlin und Theaterregie an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt/M.

Seit 2001 arbeitet er als freischaffender Autor für Printmedien, Fernsehen, Theater und Oper. 2009 gründete er mit David Goeßmann das unabhängige Fernsehmagazin Kontext TV, das regelmäßig Sendungen zu Fragen globaler Gerechtigkeit produziert.

2009 Otto-Brenner-Medienpreis für kritischen Journalismus. Programmkoordinator für das Attac-Bankentribunal in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz (2010). 2015 erschien sein Buch „Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation“, das die Wurzeln der Zerstörungskräfte freilegen will, die heute die menschliche Zukunft bedrohen.“

Die für mich momentan prägnantesten Absätze möchte ich dennoch explizit erwähnen und zitieren:

„Fabian Scheidler: Man kann den Untergang des Realsozialismus nicht mit dem Niedergang des kapitalistischen Weltsystems vergleichen. Denn der Ostblock war ja – zumindest in den letzten Jahrzehnten seiner Existenz – in mancher Hinsicht Teil dieses Systems, auch wenn viele das bis heute nicht wahrhaben wollen. Und er ist einigermaßen kontrolliert abgewickelt worden, mithilfe der Leute auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs, die auf diese Gelegenheit nur gewartet haben. Es gab ja ein funktionierendes größeres System, das den Osten einfach schlucken konnte.

Was wir jetzt vor uns haben, ist von ganz anderen Dimensionen, es ist der Niedergang des mächtigsten und auch gefährlichsten Systems, das die Weltgeschichte je erlebt hat. Es ist weltumspannend. Und es gibt kein Ersatzsystem. Ich glaube nicht, dass ein gelenkter, geplanter, kontrollierter Übergang zu etwas anderem möglich ist. Wer sollte das steuern? Und wohin? Ohne größere Brüche und ohne chaotische Phasen wird es nicht gehen.

Die Frage ist, wer in diesem Chaos die Oberhand gewinnt. Die jetzigen Eliten werden mit allen Mitteln dafür kämpfen, ihre Privilegien und ihre Macht zu erhalten. Sie werden langfristig auch nicht davor zurückschrecken, mit ultrarechten Kräften zusammenzuarbeiten, das tun sie ja teilweise schon heute. Wenn wir passiv bleiben und einfach abwarten, was kommt, werden sie leichtes Spiel haben. Aber wenn eine kritische Menge von Menschen beginnt, sich einzumischen und sich für eine gerechtere, menschenwürdigere Welt zu organisieren, dann haben wir eine Chance.

Das Problem ist, dass wir die Selbstorganisation großenteils verlernt haben. Wir erwarten, dass der Strom aus der Steckdose kommt, dass uns irgendjemand einen Job gibt, dass Politiker unsere Interessen vertreten, wenn wir alle vier Jahre ein Kreuzchen machen – eigentlich eine sehr merkwürdige Vorstellung. Aber damit werden wir auf Dauer nicht weiter kommen. Wir müssen unser Leben wieder selbst in die Hand nehmen, und das kann eben auch anstrengend sein.“

Fabian Scheidler wirft hier einiges auf, was uns anhalten sollte, unsere „Denkmaschine“ endlich vernünftig in Gang zu setzen, um Zusammenhänge zu erkennen.

Nicht REDEN, sondern MACHEN!

Es sind eher kognitive Zusammenhänge, die es zu erfassen gilt. Sicherlich führen einige Ausführungen von Herrn Scheidler zu einem Diskurs. Dieser jedoch ist es gerade, der uns Menschen voranbringt.

Was verstehe ich unter „Selbstorganisation“?

Gandhi 2

Unter Selbstorganisation verstehe ich, das eigene Leben bewußt und aktiv zu gestalten und dafür Verantwortung zu übernehmen. Nur mein Verhalten wird die Welt, dort wo ich lebe, dauerhaft prägen.

Das Motto heißt: global denken und lokal handeln. Wenn jeder auf dieser Welt nach diesem Prinzip handeln würde, würde die Welt unbedingt besser – nicht nur die eigene Epoche und Raum betreffend, sondern auch wegweisend sein für kommende Generationen.

Wird es das Individuum alleine schaffen, die Welt nachhaltig zu verändern? Ist nicht eine gemeinsam handelnde Gruppe erforderlich, um größere Ziele zu erreichen?

Es werden Gruppen notwendig sein, welche die oben beschriebene Autarkie nicht in Frage stellen, sich dennoch zum gemeinsamen Handeln entschließen und nicht dem „Runden-Tisch-Palaver“ verfallen. Voraussetzung hierfür ist ein humanistisch-charismatischer Führer mit unbedingtem Sachverstand, der die Menschen emotional und geistig nachhaltig erreicht. Deren Intention, die Schaffung eines Konsenses in der Gruppe, muss oberste Priorität haben. Es darf keine Verlierer in der Gemeinschaft geben.

Nelson Mandela und Mahatma Gandhi schüttelten ganze Systeme ohne Gewalt ab: Veränderungen sind auch schmerzlos möglich.

Folglich sind Inszenierungen (Wahlen, Demonstrationen, Abstimmungen) nicht die Wurzel für Veränderungen, sondern das eigene Wirken, das eigene Machen.

Letztlich neigt der Mensch wohl eher dazu, sich entweder gar nicht oder nur hinter verschlossenen Türen (oder ver-/geborgen in der Anonymität des Netzes) zu positionieren, stets mit einer Tüte warmer, dampfender Brötchen in der Hand, die er nicht missen und nicht teilen möchte.

Wie von Fabian Scheidler bemerkt:  „… wenn wir alle vier Jahre ein Kreuzchen machen – eigentlich eine sehr merkwürdige Vorstellung. …“

Aber der Mensch befindet sich im latenten Schlummerzustand.

Meine kritische Sichtweise mag nicht immer willkommen sein. So manch einer fühle sich angesprochen, beinahe ertappt und empfindet meine Arbeiten mit politischer, gesellschaftskritischer Tendenz („Deutsche Polemik“, „Stunde Dreizehn“, „Entgleist“, „Vorahnung“) als „unerhört“, „aggressiv“ oder sogar arrogant („Fernsehwahn(un)Sinn“, „Lehrer an Schüler“, „Mit dem Wind“) oder auch gewollt eklatant.

Nein, ich fühle mich nicht angegriffen, sondern durchaus geehrt. Denn ich möchte zu denen gehören, die ihr Hirn zu dem benutzen, zu welchem es uns Menschen gegeben wurde: zum Denken und zum Erfassen von Nexus und Induktion („die beobachtete Ursache, die beobachtete Wirkung, induktive Schlussfolgerung auf das Gesetz; es sind jedoch auch andere Gesetze denkbar, die z. B. weitere Bedingungen erfordern“- Quelle: Wikipedia).

Ich hatte einst mit leicht fließender Lyrik und lebens- sowie alltagsnahen Kurzgeschichten begonnen, meinen Weg zu gehen. Doch bin ich keine zweite „Rosamunde Pilcher“.

Als bekennende Humanistin befinde ich mich in einem stationären Zustand von Verantwortungsgefühl. Dieses bin ich meinen Mitmenschen und meinen Kindern sowie Enkelkindern schuldig.

An dieses Verantwortungsgefühl appelliere ich bei allen Menschen in meiner Umgebung. Ich kann die Anderen in ihrem Denken nicht umstimmen, wenn sie nicht zur Reflexion bereit sind. An der Fähigkeit liegt es nicht. Diese haben wir mit unserer Geburt, unserem Sein erworben.

Und ich wiederhole:

Nicht REDEN, sondern MACHEN!

Wo beginnt es?

„Bevor du dich anschickst, die Welt zu verändern, gehe drei Mal durch dein Haus.“ (Chin. Sprichwort)

WAS also verändert uns, hat Einfluss auf unser Denken? Es sind die Erfahrungen. Diese leiten sich von unserem Handeln ab, nicht von Reden und Schreiben.

„Geh nicht zum Ofen, sonst verbrennst du dir die Finger!“, ermahnen Eltern ihre Kleinkinder. Und doch geschieht es oft, dass die Kleinen den Ofen berühren. Sie machen eine Erfahrung, aus der sie lernen, denn zukünftig sollten sie Öfen meiden. Doch ist es wirklich so? Ist das Ableiten zum Handeln zwingend?

Wir wissen, dass das Überschreiten der vorgeschriebenen Geschwindigkeit beim Führen eines Kraftfahrzeuges regelwidrig ist. Doch wie oft werden wir geblitzt?

Ich sollte also nicht weiter schreiben? Doch, denn ich höre nicht auf zu hoffen, dass sich kritisch rationale Denkmuster prägen.

In diesem Sinne wünsche ich allen einen denkWürdigen Sonntag.

Sylvia Kling

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3 Gedanken zu “„Die große Transformation hat gerade erst angefangen.“ – Der Mensch im latenten Schlummerzustand?

  1. Pingback: In eigener Sache | Sylvia Kling - Literatur

  2. Ich denke zu deinem Text – jeder Mensch kann in seinem Rahmen sehr viel tun und mag das auf den einzelnen wenig erscheinen, so ist das in der Masse sehr sehr viel.
    Ich gebe dir ein Beispiel in der Region wo ich lebe bin ich und einige andere sehr darauf bedacht auf die Online-Kommentare des hiesigen Mediums zu achten. Wir melden diese sofort wenn da mal wieder etwas steht von „Wer braucht diese Asylanten – lasst sie doch absaufen“
    Das Resultat der Mühe – inzwischen tauchen dort kaum noch oder fast keine solcher Kommentare mehr auf. Das mag wenig erscheinen ist aber ein kleiner Sieg und ein wichtiger Schritt.
    Ich persönlich denke, dass so eine Zivilcourage in manchen Ostregionen bisher unterschätzt wurde und Kommentare dieser Art schlagartig ausgebreitet haben. Man darf hier nicht hoffen und auf die Eliten bauen – das ist quatsch, jeder muss hier für sich loslegen und einschreiten wo er kann.

    Gefällt 2 Personen

    • Das ist alles wichtig und m. E. auch richtig. Jedoch ändert oder verhindert man nur die Kommentare derjenigen. Damit ist deren Gedankengut noch nicht ausgelöscht. Dies ändert man nur mit persönlichen Erfahrungen derjenigen, die es zu verändern gilt.

      Beispiel aus der Geschichte:
      Die Bürger von Weimar wurden nach der Befreiung des KZs Buchenwald dorthin geführt und mussten sich Leichenberge sowie das dort angerichtete Grauen ansehen. Jeder Weimarer hat aber gewußt, dass diese Grauen auf dem Ettersberg stattfanden.
      Häftlinge wurden u.a. zum Bau von Gebäuden im Zentrum Weimars eingesetzt und jeder Weimarer hatte Kenntnis davon.

      Hoffen wir mal, dass die erzwungenen Brechreize zur Läuterung der Menschen gedient haben.

      Liebe Grüße
      Sylvia

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