Philosophie – Kritischer Rationalismus oder Warum denken wir überhaupt?

Nachdem ich gestern eine sehr interessante „Unterhaltung“ mit dem Blogger (dem ich vom Autoren-Blog aus folge) „Ausgesucht – Unerhörte Worte“ hatte, welche mich letztendlich zum Philosophieren anregte, sah ich mich nach langer Zeit wieder einmal bei den Theorien des Philosophen Karl Popper um.

Quelle: Wikipedia

Quelle: Wikipedia

Dabei fand ich ein höchst interessantes Thema:

(Quelle: Wikipedia:)

„Nachdem der Kritische Rationalismus eine Letztbegründung in der Erkenntnistheorie ablehnt, wehrt er sich auch gegen alle Auffassungen, absolute Werte oder ein höchstes Gut als archimedischen Punkt anzunehmen. Im Sinne des Abgrenzungskriteriums ist Ethik keine Wissenschaft, da Werte nicht einer empirischen Überprüfung durch Beobachtung und Experiment unterzogen werden können:

„Die Ethik ist keine Wissenschaft.“

Dennoch haben Popper und Albert ethische Positionen vertreten und Stellung zu ethischen Fragen genommen. Dieser scheinbare Widerspruch löst sich auf, weil der Kritische Rationalismus als Philosophie – dies steckt programmatisch in der Bezeichnung – eine (logisch nicht begründbare) Entscheidung für Rationalität ist. Es ist ein bewusst gewählter Weg zwischen Dogmatismus, der als logisch nicht haltbar ausgeschlossen wird, und Relativismus, der Irrationalismus und Laissez-faire möglich macht. Irrationalität kann nach Popper durch Rationalität überwunden werden. Zur Rationalität gehört insbesondere:

Kritische Einstellung mit Nachdruck auf Argument und Erfahrung

Akzeptanz, dass jeder Fehler machen kann (Fallibilismus)

Bereitschaft zur kritischen Fehlersuche (Falsifizierbarkeit)

Idee der Unparteilichkeit

Schluss von der eigenen Vernunft auf die Vernunft des Anderen

Ablehnung von Autoritätsansprüchen

Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen (Erkenntnisfortschritt)

Bereitschaft, die Argumente anderer zu hören und zu prüfen

Anerkennung des Prinzips der Toleranz.

Die Entscheidung zur Rationalität (Vernunft) ist eine ethische Grundentscheidung, die Popper für die einzige Alternative hält, die bei der Lösung von Konflikten nicht in irgendeiner Form zu Gewalt führt.

Grundsätzlich ist zu unterscheiden zwischen Tatsachen und Maßstäben. Der Begriff Gesetz ist mit beiden verbunden. In Zusammenhang mit Regelmäßigkeiten in der Natur bezieht er sich auf Naturgesetze. Maßstäbe sind normative Gesetze, die von Menschen durch Konventionen gemacht werden und die Beziehungen zwischen Menschen regeln. Naturgesetze kann man nicht übertreten, normative Gesetze hingegen schon.

„Aus der Feststellung einer Tatsache lässt sich niemals ein Satz herleiten, der eine Norm, eine Entscheidung oder einen Vorschlag für ein bestimmtes Vorgehen ausspricht.“

Diese logische Aussage ist eine Formulierung des Prinzips über den Naturalistischen Fehlschluss.“

„Alle Diskussionen über die Definition des Guten oder die Möglichkeit es zu definieren, sind völlig unnütz.“

Aus dem Dualismus von Tatsachen und Normen sowie der Grundentscheidung für Rationalität ergibt sich die Forderung nach Freiheit. Freiheit ist die Freiheit des Denkens und die Freiheit der Suche nach der Wahrheit. Freiheit und Verantwortung sind die Grundlage für die Bewahrung der Menschenwürde.“

„Nur die Freiheit macht menschliche Verantwortung möglich. Aber ohne Verantwortung geht die Freiheit verloren; vor allem ohne intellektuelle Verantwortung.“

Die Grundforderung nach Freiheit und Verantwortung führt zu Pluralität. Deswegen ist dem Kritischen Rationalismus oft vorgehalten worden, eine liberalistische Position zu vertreten. Doch ob eine Politik konservativ, liberal oder sozialistisch ausgerichtet wird, ist eine Frage des Diskurses. Die Philosophie kann diesen Diskurs nur begleiten, indem sie die Logik der Argumente prüft, indem sie prüft, ob Sollen auch Können beinhaltet, und indem sie auf die Einhaltung der Rationalität drängt. Poppers Philosophie beinhaltet auch eine Kritik am Laissez-Faire-Liberalismus. Dieser ist insofern eine Ideologie, als er den ‚freien Markt‘, der alles zum Guten regelt, als empirisches Naturgesetz oder als Ergebnis der Wissenschaft auffasst. Aber weder die Wissenschaft noch die Natur können sagen, was das Gute ist

„Well, I still do believe that in a way one has to have a free market, but I also believe that to make a godhead out of the principle of the free market is nonsense.“

Zwar wurde Popper, der Gründungsmitglied der Mont Pelerin Society war, aufgrund seiner Betonung des Individualismus gelegentlich als ein früher Neoliberaler eingeordnet, gleichzeitig jedoch seine komplexe humanitäre Einstellung selbst für den frühen Neoliberalismus nicht als typisch betrachtet.“

Wie steht Ihr zu diesen Aussagen?

„Warum denken wir“? Das fragte „Unerhörte Worte“ gestern im Laufe unserer Diskussion. Ich schrieb, wir lernen dabei und finden Worte.

Habt Ihr Ideen? 😊

Auf diesem Link gelangt Ihr zu dem erwähnten, gestrigen Beitrag:

https://sinnsucht.wordpress.com/

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6 Gedanken zu “Philosophie – Kritischer Rationalismus oder Warum denken wir überhaupt?

  1. Hallo Sylvia,

    Poppers Formel vom Leben als Problemlösen überzeugt, aber ist nicht überzeugend; d.h. sie hat Erfolg, aber ist dennoch nicht richtig. Warum aber hat sie Erfolg? Warum wird ihr gerne zugestimmt? Ich denke, weil sie tröstet und schmeichelt. Es ist ein Trost darin, wenn uns jemand sagt, dass das Leben nun einmal so ist, so problematisch, und dass es uns gleichsam damit auszeichnet, dass wir diese Probleme lösen sollen. Auf der anderen Seite schmeichelt sie den sogenannten Geistesarbeitern, welche das Leben nicht einfach hinnehmen, sondern es begreifen und gestalten ( zu den Beschmeichelten gehören auch die Politiker, die deshalb gerne Popper zitieren). Fast unnötig zu sagen, dass dann jene, die keine Probleme lösen, ein Problem haben, nämlich mit sich selbst als unkritische Geister.

    Das sind, denke ich, die beiden Bezauberungselemente, der Trost und die Umschmeichelung, der einfachen Formel, dass alles Leben Problemlösen sei. Aber ihre Einfachheit ist auch ihre Einseitigkeit und damit Falschheit.

    Also wenn die zweite Hälfte des Lebens nicht – mindestens – aus einer Festkultur besteht, in der gerade keine Probleme gelöst werden … wenn Flirten gerade keine Probleme lösen soll. Ich denke, wer menschliches Leben bestimmen will, muss es mindestens auf zwei Füße stellen. (Kant hatte drei Füße erkannt: Theorie, Praxis und Schönheit. Für erstere kann noch behauptet werden, dass Probleme gelöst werden, für den letzten, die Schönheit, schon nicht mehr. Für Schiller war dieser dann der wesentliche; sie wissen: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt …

    LG

    Phileos

    Gefällt 1 Person

    • Lieber Phileos,

      verblüfft sah ich gerade, dass ich aus unerfindlichen Gründen Deinen Kommentar nicht freigeschaltet hatte. Die Einstellung „Kommentare müssen freigeschaltet werden“ möchte ich noch ändern (ich habe diese auf meinem Autorenblog auch nicht). So bitte ich um Nachsicht für meine verspätete Rückmeldung.

      Deine Ansätze sind durchaus interessant. Doch ich kann ihnen momentan schlecht folgen. Ich lese Popper oder auch die Abhandlungen anderer Philosophen, entscheide mich jedoch für eine dieser. Sonst hätte ich das Gefühl, ich würde mich „verlaufen“.
      Dem Ansatz der Beschmeichelung kann ich keineswegs folgen. Du bringst Kant und Schiller „ins Spiel“. Nun war ich gerade versucht, an einem Gemisch aus Äpfel, Birnen und Aprikosen zu naschen – habe mich aber im letzten Moment gebremst ….

      Das wird mir eindeutig zu viel, Phil.

      Dennoch: Gerade unterschiedliche Meinungen und Ansichten machen doch uns Menschen zu einzigartigen Wesen. Wie langweilig wäre es, wenn wir alle „an einem Strang ziehen“ würden?

      Deshalb sage ich DANKE für Deinen Kommentar und wünsche Dir einen wunderschönen Tag.

      Liebe Grüße

      Sylvia

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      • Liebe Sylvia,
        danke für die schöne Rückmeldung. Und klug von Dir, nicht von allen Früchten zu naschen, wenn es stimmt, dass wir eher Kostbarkeiten hervorbringen, wenn wir uns auf einige Köstlichkeiten beschränken. Und ich stimme Dir zu: In einem Gespräch wollen wir zusammen denken, etwas in möglichst schöner Gestalt hervorbringen. Dazu kann auch leidenschaftliches Streiten gehören – aber kein krampfhaftes Kämpfen.

        LG
        PHileos

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  2. Liebe Autorin,

    vielen Dank für den Beitrag. Das klingt alles sehr spannend und mir wird klar, dass ich mich langsam mal mehr mit Popper beschäftigen sollte – ich kenne ihn nur am Rande.

    Viele Fragen stellen sich mir hier noch und vieles bleibt unklar. Besonders, verstehe ich noch nicht, wie es Popper schaffen will, am Relativismus vorbei zu kommen.

    Du hast geschrieben, er will ihn (den Relativismus) mit „Rationalität“ überwinden. Was das ist, hast du dann aufgezählt… Aber in dieser Aufzählung kommt mir noch nicht klar durch, wie man daraus dann zu einer „Normativität“ kommen kann. Mit „Unparteilichkeit“ sicher nicht. Und die kritische Fehlersuche (Falsifizierbarkeit) ist bei Popper ja nicht bei normativen Sachverhalten möglich… und auch bei den weiteren Punkten findet man schwerlich, dass es sich auf die Ethik anwenden lässt.

    Dann hast du den „Konsens“ als einzige Möglichkeit, Werte zu etablieren genannt. Aber heißt das dann: Alles was ein Konsens beschließt ist moralisch? Ich glaube es gibt viele Beispiele (z.B. historisch), wo man das Gefühl hat, es geht unmoralisch zu, obwohl ganz viele Menschen einen Konsens darüber haben.

    Womit die „Freiheit“ dann also verteidigt werden kann, ist mir noch nicht ganz klar… scheinbar nur mit „Konsens“, der die Freiheit möchte.

    Noch weniger klar ist mir, woher dann plötzlich die „Verantwortung“ kommen kann. Verantwortlich ist man doch höchstens dem Konsens, welcher auch immer das ist?

    Nun, ich danke für die vielen Denkanstöße… Ich muss unbedingt mal endlich Popper lesen. „Geschlossene Gesellschaft“ oder so ähnlich heißt glaub eich ein Hauptwerk von ihm.

    Beste Grüße,
    Phil

    PS: Entschuldige, der Kommentar ist recht lang geworden 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Phil,

      danke für Deinen Kommentar.

      Ethik ist keine Wissenschaft. Aus wissenschaftlicher Herleitung werden keine Moral und Ethik entstehen. Ethik und Moral werden ganz allein vom Individuum bestimmt. Diese ist nie dem gesellschaftlichen Konsens verpflichtet, sondern meinem eigenen Gewissen. Ich kann eine Haltung einnehmen, mit welcher ich irgendwo in der Gesellschaft stehe: abseits oder mittendrin.
      Zitat: „Be true to yourself, it’s all you’ve got.“ Janis Joplin

      Ein Normativ wird sich aus der Ethik eines Einzelnen für die Gesellschaft nicht entwickeln können. Ein Konsens wird es nur in kleinen Gruppen geben. Die daraus fälschlich begriffene Unparteilichkeit ist nicht im Sinne von Karl Popper, denn Popper sagt nur: „Werte sind nicht meßbar und können nicht durch ein Experiment bewiesen werden.“ Daraus folgt, dass das Parteiergreifen für Werte nicht dem individuellen Anspruch genügen kann.

      Wo findest Du in meinem Artikel den Bezug des Normatives auf einen gesellschaftlichen Konsens?

      Viele Grüße

      Sylvia

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